Nr. 17: Verschleppung von Volksdeutschen aus dem Banat zur Zwangsarbeit in die Sowjet-Union zu Beginn des Jahres 1945.

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Erlebnisbericht eines Tierarztes aus dem Ungarischen Banat,

Original, ohne Datum, 4 Seiten, mschr.

Wir wurden im September 1944 von der russischen Armee besetzt. Die Front stand vom 24. 9. 1944 bis 6. 10. 1944 in der Gemeinde N. N. Die Gemeinde befindet sich in Südost-Ungarn, Komitat (Bezirk) Arad und bekam erst Ende November russische Polizei. Bis dahin wurden wir von durchziehenden Russen und von dem aus Rumänien kommenden Pöbel immer in grosser Angst gehalten und ziemlich ausgeraubt.

Am 20. Dezember 1944 kam ein GPU-Major mit seinen Offizieren und 300 Mann nach N. N. Nach Weihnachten hielten sie dann Volkszählung, und es hieß, daß sie genau wüßten, wieviele Zuckerkarten in der Gemeinde nötig seien. Am 1. Januar 1945 wurde die Gemeinde von der GPU Mannschaft umringt und abgesperrt. Niemand konnte herein noch heraus. Es wurde offiziell, daß die Frauen von 17—35 Jahren und die Männer von 16—48 Jahren mit Verpflegung für drei Wochen und warmen Kleidern sich melden müssen. Wer sich weigerte zu melden, wurde interniert und mit Todesstrafe bedroht. Ein Vater wollte seine Tochter verbergen, um sie so zu retten. Doch es wurde bekannt, daß die Tochter im Dorfe sei, und man hat den Vater zur Verantwortung gezogen. Er wurde wiederholt solange von den Russen geschlagen, bis sich seine Tochter gemeldet hatte. Diese wurde dann auch verschleppt. Es hieß, die meldepflichtigen Personen würden benötigt, um im Lande, in den Zuckerfabriken und der Industrie zu arbeiten. Es wurde ihnen ausdrücklich versprochen, daß sie in Ungarn bleiben würden.

Am 11. Januar 1945 begann dann die Einwaggonierung. Drei Tage vorher erschien dann im Lager ein russischer Oberst, der uns bekannt gab, daß wir nach Russland transportiert würden, um dort Aufbauarbeiten zu leisten. In jeden Waggon kamen 30 Personen mit Gepäck. Die Waggons wurden abgeschlossen, und am 11. Januar 1945 ging der Transport nach Russland. Täglich wurden die Wagen einmal geöffnet, und man reichte uns Wasser. Sodann wurden die Wagen wieder abgesperrt. Jeder mußte sich vom eigenen


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Vorrat verpflegen. Auf dem Transport bekamen wir von den Russen nichts zu essen. Die Kälte war schrecklich. Vom 22.—30. Januar war eine Kälte von min. 40 Grad. Am 2. Februar gelangten wir in der Stadt Krivojrog an. Dort wurden wir ausgeladen. Wir zählten mit noch anderen Dazugekommenen 1300 Personen, die dann in fünf Gruppen aufgeteilt wurden. Unsere Gruppe war die stärkste, ca. 500 Personen. Die eigentliche Auswaggonierung begann dann am 2. Februar um 23 Uhr. Wir wurden in Krivojrog, Kaganowitsch-Grube, die nordöstlich 20 km von K. liegt, ausgeladen. Es war überraschend, als wir bemerkten, daß ca. 15 Frauen mit Gewehr uns umringten. Truppweise wurden wir ins Lager geführt. — Pakete mußten wir im Lagerhof liegen lassen. Die ganzen Menschen standen dann die ganze Nacht zusammengepreßt auf dem kalten Gang. In der Frühe, als wir unser Lager anschauten, kam die zweite Überraschung.

Das Lager war ein zweistöckiges Gebäude. Der zweite Stock war aber abgebrannt, und man konnte vom ersten Stock aus in den Himmel sehen. Keine Türen, keine Beleuchtung, die Wände nicht verputzt. In den Räumen waren als Schlafstellen Holzpritschen, diese zwei- bis dreifach übereinander. Das ganze Gebäude mit einem kleinen Hof war mit starkem Stacheldraht eingezäunt, an jeder Ecke eine Frau mit Maschinenpistole. Als wir das alles sahen, mußten wir uns unwillkürlich an das zurückerinnern, was uns der russische Oberst in unserer Heimat versprochen hatte, nämlich, daß wir als freie Arbeiter Kino, Theater und Konzert besuchen könnten. Am 3. Februar in der Frühe bekamen wir dann zum 1. Male von den Russen Verpflegung. Es war mit heißem Wasser abgebrühter Maisschrot und ein Stückchen Brot. Am Abend kam dann ein Transport aus dem rumänischen Banat, am 5. Februar aus Siebenbürgen. So wuchs die Lagerzahl auf 996 Personen an. Das Lager wurde in fünf Rotten geteilt, jede Rotte in Brigaden, und jede Brigade hatte einen deutschen Brigadier und einen Russen. Der Russe holte seine Brigade jeden Morgen ab und führte sie auf den Arbeitsplatz. Dort kontrollierte er die Arbeit. Wir mußten bis Kriegsende 10 Stunden täglich arbeiten. Im Lager wurden die Leute miserabel schlecht untergebracht. In einem Raum von 40 qm waren 70—120 Personen untergebracht. Beim Schlafen hatte man 35 cm Liegeplatz. Unsere Frauen waren in einem Raum bei 35—40 Grad Kälte. Die Kälte war schwer, überhaupt für die Frauen. Arbeitsgeräte waren so wenig vorhanden, daß in der Nacht auch gearbeitet werden mußte. Die Arbeiten erstreckten sich auf Kanalarbeiten und Fundamente graben. Die Erde war wie Felsen gefroren. Und die Russen forderten von unseren Leuten Norma, d. h. vorgeschriebene Arbeiten, die in einem Tag fertig werden mußten. Die russischen Brigadeführer, die die Aufsicht hatten, hatten Anspruch auf Kleider, Strümpfe usw. Diese forderten sie von den Verschleppten, und wenn diese sich weigerten, es abzugeben, dann gaben sie der Lagerführung falsche Meldung und zwar, daß sie sabotieren und nicht arbeiten wollen. In diesem Falle wurde der Unglückliche 10—15 Tage in den Karzer geworfen, d. h. er kam in einen Keller ohne Fenster. Dieser Raum war ausgestattet mit einem Holzbett, und im Sommer stand das Wasser 20—30 cm hoch. Die Kost war für den Eingekerkerten 200 g Brot und einmal Suppe täglich. Die Verpflegung war so wenig, daß sämtliche Lagerbewohner allmählich ihre Kleider und Wäsche


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auf der Arbeitsstelle dem russischen Volk für ein Stück Brot verkauften. Wenn den Offizieren bekannt wurde, daß wir einen Feiertag haben, Ostern, Weihnachten usw. haben sie immer das Lager mit starken Wachmannschaften besetzt, jeden Koffer wiederholt durchsucht und immer das Wertvollste weggenommen. Ihre Angehörigen haben es dann auf dem Marktplatz verkauft. Kein Eßbesteck, kein Buch, kein Gebetbuch, keinen Schmuck durften wir behalten, alles haben sie uns weggenommen. Das feine Papier unserer Gebetbücher haben sie zu Zigarettenpapier verwendet. Die Lage wurde immer schlimmer. Im Monat März hatten wir den ersten Toten. Wir haben ihn mit grossem Mitleid, einfach, aber feierlich begraben. Vor seinem Tode bat er die Lagerverwaltung mit zusammengefalteten Händen um zwei rohe Kartoffeln. Er hatte Magensäure und konnte die täglich 3 mal verabreichte Krautsuppe nicht vertragen. Diese Bitte wurde ihm nicht gewährt. Im Sommer wurde ein Teil der Frauen zum Kolchos für landwirtschaftliche Arbeiten eingeteilt. Die Frauen hatten es sehr schlecht, denn sie hatten ihre Norma zu leisten bekommen, und diese mußten sie verrichten. Wenn sie ihre Arbeit mit schwerer Mühe verrichtet hatten, wurde die Norma jeden Tag größer. Es war unmöglich, diese große Norma zu erreichen, und wenn sie ihr nicht nachkamen, wurden sie geschlagen und eingesperrt. Im Herbst kamen die ersten Kranken nach Hause. Von unserem Lager waren es 45 Personen. Nach neun Monaten hörten die Angehörigen von den Heimgekehrten die erste Nachricht. (Kurz vorher sind zwei junge Männer in der Heimat angekommen, die aus einem Lager durchgebrannt waren). Die ersten Briefe von zu Hause bekamen wir erst im März 1946. Wir durften diese nur einmal durchlesen. Nachher wurden sie von unserem GPU-Leutnant verbrannt.

In jedem Lager war ein GPU-Offizier, der von den deutschen Verschleppten Vertrauensleute herausgewählt hatte. Diese sollten ihn verständigen, was im Lager gesprochen wurde, wie die Lagerinsassen politisch eingestellt waren, ihre politische Vergangenheit, Militär usw. angeben. Diese Ausforschung (Verhör) war immer in der Nacht zwischen l—2 Uhr und dauerte bis in die Frühe. Die Hauptdolmetscherin war eine Jüdin aus Dnjepropetrowsk, die monatlich einmal auf 2—3 Tage bei uns im Lager erschien. Das russische Zivilvolk haßte uns anfangs, anscheinend wegen unseres guten Aussehens. Dieses ging bis Sommer 1946. Dann aber, als unsere Leute unterernährt, mit verlumpten Kleidern, auf den Arbeitsplätzen zusammengebrochen und einige auch daselbst gestorben sind, begann das Mitleid mit uns. Im Sommer 1946 war die Lagerbevölkerung so tief herabgekommen, daß zwischen 200—300 Arbeitsunfähige herumlagen. Die Kranken wurden dann etwa im September abtransportiert. Nach der Ablieferung wurde das ganze Lager umgruppiert. Die Lumpen der Abtransportierten wurden unter die Zurückgebliebenen verteilt. Es kam der schreckliche Winter 1946/47. Die Verpflegung war so gering, daß die Leute nur noch Skelette waren. Es kamen Fälle vor, wo nächste Verwandte, die sich zu Hause oft trafen und sich im Lager nach einigen Wochen wiedersahen, [sich] nicht wiedererkannten vor lauter Abmagerung. Diejenigen, die nicht mehr weiter konnten, wurden in den Isolator gelegt. Nach einigen Tagen sind Beine und Kopf aufgeschwollen, dann kam Durchfall, und in zwei Tagen waren sie tot. Der Ver-


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lust an Toten betrug trotz der Krankentransporte 15—18% der Verschleppten.

Unsrer Küche wurde nicht einmal soviel Brennmaterial zugewiesen, daß sie das Essen kochen konnte. Die Leute haben vom Arbeitsplatz für die Küche Holz mitgebracht und bekamen dafür eine Suppe. Ein Mann war mit seinem Holz unterwegs zusammengebrochen, und die Schicksalsgenossen haben ihn dann — es war Mitte Februar — im Schnee liegen lassen. Keiner hat sein Holz weggeworfen, um ihn ins Lager zu bringen, denn er hätte ja sein Holz wegwerfen müssen und hätte dafür im Lager keine Suppe bekommen. Ein Zeichen, wie der Hunger und die Tortour die Leute körperlich und seelisch vernichtet hat. Die russische Zivilbevölkerung hatte es auch nicht viel besser als wir. Auch ihre Arbeiter sind vor Hunger auf den Arbeitsplätzen zusammengebrochen. Ein Teil unserer Lagerbevölkerung war aufgeschwollen; auch diejenigen, die noch vor einem Jahr die besten Spezialisten, Techniker, Uhrmacher, Baumeister usw. waren, haben sich wie kleine Kinder benommen. Man konnte mit ihnen überhaupt nicht über ernste Sachen sprechen. Auf der Grube waren 150 Pferde. Ist ein Pferd vor Hunger verendet, dann wurde das Fleisch von den Russen aufgegessen. Die Lunge, Leber, Milz wurde dann solchen Lagerinsassen ins Lager gebracht, die zufällig bei der Zerlegung hinzukamen. Das Gebrachte wurde dann für Brot umgetauscht. Vor Hunger wurden von der Lagerbevölkerung Hunde und Katzen geschlachtet und aufgegessen. Ein 36jähriger Mann ist vor Hunger in das Lagermagazin eingedrungen und entwendete 800 g Speiseöl, 1500 g Nudeln, 300 g Butter und eine Fleischkonserve. Der Fall wurde entdeckt. Er wurde von der russischen Militärregierung zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Er wurde nach Dnjepropetrowsk ins Gefängnis Nr. 2 abgeführt. Im Lager wurde nicht geheizt.

Zwei junge Männer haben den diensttuenden Offizier gebeten, er möchte sie nach 22 Uhr im Walde Holz holen lassen. Der Offizier hatte es nur zugegeben unter der Bedingung, daß sie das Holz mit ihm teilten. Doch fanden die Männer kein Holz. Statt dessen brachten sie ein Ferkel von zwei Wochen, das sie schlachteten. Der diensttuende Offizier bemerkte dieses und meldete den Fall. Die russische Militärregierung hat dann die zwei Männer zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Spezialisten, die ihre acht Stunden auf dem Arbeitsplatz geleistet hatten, wurde von den Offizieren erlaubt, daß sie Privatpraxis annehmen dürfen, aber nur dann, wenn sie ihren Verdienst mit den Offizieren teilen. So konnte ich als Tierarzt auch außerhalb des Lagers Überstunden machen. Man konnte die Lagerleitung mit Schmuck, Uhren usw. bestechen, wer bis dahin noch über solches verfügen konnte, um in die Krankentransportliste eingetragen zu werden, damit man nach Hause kam. Bei den Krankentransporten war es so, daß manchmal von 1000 Heimkehrern täglich 8—10 Personen starben.

Nach der Arbeit kamen die Leute mit nassen Füßen und Fußlappen in den kalten Raum, legten ihre Fußlappen über Nacht auf ihre Pritsche zum Trocknen. Doch über Nacht waren ihre Schuhe und Fußlappen gefroren. In der Frühe mußten sie dann mit den vereisten Schuhen hinaus auf die Arbeitsstelle.


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