Nr. 12: Die Evakuierung von Volksdeutschen im November 1944; Fluchtversuch des Vfs. bis Budapest; Belagerung von Budapest und Besetzung der Festung Ofen durch die Russen, Rückkehr des Vfs. nach Budaörs.

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Erlebnisbericht eines Bauern aus dem Bezirk Központ im Komitat Pest.

Original, 3. Mai 1955, 13 Seiten, hschr. Teilabdruck.

Mitte November 1944 wurde meine Heimatgemeinde aus Strategischen gründen von der Zivilbefölkerung geräumt. Ein großer Teil zog in die Nachbarstadt. Der andere Teil versträute sich in den Ofner deutschen Ortschaften. Ich selbst zog mit meiner Familie nach Budaörs unmittelbar Westlich von Budapest. Zwei Wochen lang konnten wir unsere bewegliche Habseligkeiten wegführen. Da es 1944 bei uns eine überaus gute Ernte gab, genügte diese Zeit nicht, um die vielen Kartoffel-Mais-Roggen-Hafer-Weizen und das lebende und tote Inventar per Wagen alles herauszu bringen, so das vieles zurück gelassen werden mußte. In Budaörs wollte man vorerst gar nicht glauben, das die Militärische lage schon so kritisch ist. Die dortige deutsche Bevölkerung befaßte sich hauptsächlich mit Obst und Weinbau, ihre auserhalb des Ortes gelegenen Weinkeller waren mit Wein voll gefült. Die zeit bis Weinachten verging schnell. Es war am Heiligen Abend. Ich besuchte mit einem Freund die Christmette, die wegen der Frontnähe nachmittags abgehalten wurde. Als wir aus der Kirche kamen, rollte ein deutsches Geschütz nach dem anderen in richtung Budapest. Wir fragten die Soldaten, was den los sei. Sie sagten, der Feind sei bei Eresi durchgebrochen und werde spätestens in zwei Tagen hier sein. Da über das gebaren der Russen die wildesten gerüchte im Umlauf waren beschlossen wir noch in der heiligen Nacht mit Pferd und Wagen und dem nötigsten, was wir aufpacken konnten, gegen Westen zu flihen. Wir fuhren gegen 3 Uhr Morgens ab. Vor Budapest staute sich ein langer Zug verschidener Fahrzeuge, so das es nur langsam vorwärts ging. Bei Morgendämmerung erreichten wir auf der Wiener str. die Stadtgrenze. Hier standen ungarische Feldgendarmen, sie forderten uns auf umzukehren, da die Russen die Hauptstadt umschlossen haben. Wir kehrten um, und fuhren wieder die Richtung, die wir gekommen waren zurück. Kurz vor dem Margareten Krankenhaus traf unsere aus 3 Wagen bestehende kleine Kolonne eine Russische Mine. Sie kam aus der Richtung Hüvösvölgy (Kühles Tal)1, in welcher Richtung die Russen mitlerweile durchgestosen sind. Ich fuhr mit dem ersten Wagen, mir pasierte nichts. nur die Pferde bekamen spliter. Im zweiten Wagen sasen mein Sohn und meine Frau. Meine Frau bekam zwei spliter in dem Oberschenkel, während die Pferde mit Splitter voll besät waren. Auf dem dritten Wagen sas mein Freund L., während seine Frau und Tochter hinter dem Wagen her gingen. Neben dem Wagen führte ein ungarischer Soldat zwei Kühe. Der Freund


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und der Soldat waren schwer verwundet, den Pferden von splitern die Kehle durchgeschnitten. Während ich mit meinem Sohn die verwundeten ins nachgelegene Krankenhaus transportierte, fiel schon eine Mine nach der anderen. Die belagerung von Budapest hatte begonnen. Ich fuhr dan mit der noch verkehrender Straßenbahn zu einem Tierarzt. Er verschafte uns eine Unterkunft, und leistete den noch lebenden Pferden erste Hilfe. Am Tage nach Weihnachten wurde die Schieserei so heftig, das sich alles in die Keller hinunter zog. Ich ging mit dem Tierarzt zu den Pferden, die zwei km. von uns im Stadtinneren untergebracht waren. Wir führten gerade die Pferde in den Hof, da schlug ein Volltreffer in den Stallboden, verwundete einen alten Mann schwer. Der Tierarzt weigerte sich, in dieser Situation die Pferde zu behandeln und bat mich, da er sich fürchtete, ihn nachhause zu begleiten. Als wir seine Wohnung in der Zapor str. erreichten, hatt sie mitlerweile einen Volltreffer erhalten. Die ganze einrichtung war ein Trümerhaufen. Zum glück war seine Familie im Keller unten und kam mit heiler Haut dafon. Der Kampf tobte aufs höhste, ich mußte mich zurück zihen. Ich ging durch die Kiscelligasse meiner Behausung zu. Auf dem Trotoir lagen die Dachziegel und Glasscherben knöchelhoch. Tote Soldaten und Zivilisten. Die Russen schossen von der Flanke. Ich lief auf der linken Häuserreihe entlang. Von der entgegengesetzten seite öfnete sich eine Tür, und ein junges Mädchen kam heraus. Kaum machte es ein par schritt, [da] brach es lautlos zusamen. Ich sprang hin. Ein Splitter hatte ihr die Kehle durchgeschnitten. Ich konte nichts helfen. Ich kam heil nachhause. Auch meine Familie traf ich heil im Keller an. So tobte der Kampf auch am nächsten Tag. Am dritten Tag nach Weinachten kam ich vom Keller herauf und lugte auf die Straße, ich sah den ersten Russischen Soldaten in meinem Leben in unsere Haustoreinfahrt huschen. Ich ging in dem Keller zurück, sagte aber von dem gesehenen nichts, da ich die Leute nicht beunruhigen wollte. Die Russischen Kampftruppen gingen in die Häuser nicht hinein. Erst am dritten Tag, nachdem ich den ersten Russen gesehen hatte, kam ein junger Russe mit blanken Säbel in der Hand, den er wie einen gehstock benutzte, in den Haushof hinein, schaute sich um und ging dan wieder. Am Abend des selben Tages kwatierte sich eine russische Küche im Hause ein. Langsam trauten sich die Zivilisten wieder ans Tageslicht kommen. Die Leute trauten sich nur in den schäbigsten Kleider zeigen. Ich und ein im Hause wohnender Küfermeister mußten für die russische Küche Holz machen. Auch wir waren lumpig bekleidet. Der russische Koch war ein sehr anständiger Mann. Er bemitleidete uns und gab einem jeden eine Hose. Ich hatte befor die russen kamen 50 kg Schweinefett in der Hofscheune unter Lumpen versteckt. Nach einigen Tagen etdeckten sie es. Ich sah zu, wie sie es raus nahmen, ich ging hin und sagte, das es mir gehöre. Der Russe gab mir großzügig eine Schüssel vol von meinem Eigentum zurück. Langsam trauten wir uns wieder besser kleiden. Eines Abends kamen vier russische Soldaten und forderte mich und meinen Sohn auf, mit ihnen zu kommen. Auf der Straße fingen sie noch sehs Männer dazu. Es war eine große Razia im gange, in deren verlauf tausende gefangen und nach Rußland verschlept wurden. Ich und mein Sohn hatten Ledermäntel an. Das stah den russen ins Auge. Sie hielten uns ihre Maschinenpistole an und forderten uns auf, die Ledermäntel auszuziehen. Wir leisteten der Aufforderung folge. Das war unser


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glück, die vier russen fingen untereinander zu raufen an, ein jeder wollte einen Ledermantel haben. Wir besinten uns rasch und ergriffen alle die Flucht. So entgingen wir der Verschlepung. So vergingen die ersten Besatzungswochen mit dauernder Angst vor der verschlepung. Die russen konnten nur langsam vordringen. Die von der ersten Kampflinie abgelösten Soldaten klagten über große Verluste und schimpften über den Krieg. Am 12. Februar Kapitulierte die Ofner Festung. Tags darauf ging ich in die Festung Linein. Ein erschütterndes Bild bot sich mir. Zuerst ging ich dem Margareten Ring entlang. Gefallene deutsche und ungarische Soldaten lagen massenhaft entlang der Häuserreihen und auf der Straße herum. Die russische Kraftwagen fuhren hemmungslos über sie hinweg. Man durfte keinen gefallenen auf das Trotoir ziehen. Ich kam auf den Szél Kaiman Platz. Dort stellte mich ein russischer Soldat. Hinter einer Verkaufsbude lag ein gefallener russe. Ich mußte für ihn ein Grab schaufeln. Während die russen ihre gefallenen gleich begruben, lagen die deutsche und ungarische gefallene mehrere Tage nach der Kapitulation auf der Straße. Dan wurden sie namenlos auf der Generalwiese in Massengräbern verscharrt. Ich ging in den kern der Festung hinauf. Viele gebäude branten und quamten noch. Aus den Kellern kamen immer noch Soldaten heraus und ergaben sich den russen. Vor der Mathias Krönungkirche standen tausende deutsche Soldaten bereit, den Marsch in die gefangenschaft anzutreten. Ihre Gesichter waren von den Entbehrungen und Strapatzen wachsgelb. Hunderte bis zum Skelett abgemagerte Pferde standen unbeweglich auf den Straßen. Ich sah wie ausgehungerte Zivilisten von den lebendigen Pferden Fleischstücke heraus schnitten. Mit grauen und eckel wandte ich mich ab. Ich verlies die Festung in richtung Donau. Hier bot sich meinen Augen eine neue Überraschung. Alle Donaubrücken sind in die Luft geflogen. Ich ging wider nach hause. Ich erzählte meinen Angehörigen das gesehene, wir waren tief erschüttert und beschlossen, nach Budaörs zurückzukehren. Da inzwischen unsere Pferde teils verendet, teils von den russen weggenommen wurden, mußten wir uns um einen Fuhrman umsehen, der unser weniges Hab und Gut, das uns noch verbliben ist, auflud und zurück nach Budaörs brachte. In Budaörs befand sich ein großer Flugplatz. Tag für Tag mußte ich mit vielen anderen mit Pickel und Schaufel auf dem aufgewühlten Flugplatz den Boden planieren. Anfang März ging ich über die provisorisch hergestellte Franz Josef Brücke. Auf dem Pester Brückenkopf stellte mich die G.P.U. mit ihren bekannten grünen Tellermützen. Man führte mich in den Hof des Brauchschen Fleischwarengeschäfts, bei der zentral Markthalle. Dort waren schon hunderte Zivilisten zusammengedrängt. Man führte mich in ein größeres Zimmer. Ein russischer Ofizier sas am Tisch, während ein dicker Budapester Jude als Dolmetscher fungierte. Der Jude nahm mir meine Brieftasche ab. Es waren über 10 000 Pengö darin. Er entnahm das Geld, sprach einige Worte mit dem Offizier, steckte 300 Pengö zurück in die Geldbörse und gab sie mir zurück und sagte, ich könne gehen. Ein G.P.U. Mann geleitete mich durch den Hof (wo die Männer schon auf Lastwagen verladen wurden) auf die Straße und entlies mich. Ich atmete auf und beeilte mich nachhause zu kommen.

Es folgen Schilderungen des Vf. über Razzien auf Volksdeutsche in Budaörs, über seine Internierung im August 1945, Mißhandlungen und


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seine schließliche Verurteilung zu einer mehrjährigen Kerkerstrafe1. Im April 1949 ging Vf. nach Haftentlasung nach Soroksár zurück, von wo aus ihm im Oktober 1949 die Flucht nach Österreich gelang.