Vorbemerkung

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Mit dem vorliegenden Band über das Schicksal der Deutschen in Ungarn wird die im Jahre 1953 begonnene Veröffentlichungsreihe der „Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa” fortgesetzt. Die vom Herrn Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte berufene Wissenschaftliche Kommission hat auch in diesem Band an den in ihrem Vorwort für das Gesamtwerk (vgl. Bd. I/l S. I—VII) ausgesprochenen Grundsätzen und methodischen Richtlinien festgehalten. Auf sie sei hier ausdrücklich verwiesen und aus ihnen einige wesentliche Sätze noch einmal zitiert, soweit sie die Anordnung und die Form der Publikation betreffen:

„Es kam darauf an, ohne gegen das Prinzip der Integrität der Dokumente zu verstoßen, die Berichte systematisch so anzuordnen, daß die Hauptphasen des Vertreibungsprozesses in der Abfolge der Berichte als geschlossene Abschnitte hervortreten und innerhalb dieser Abschnitte wiederum diejenigen Berichte in besonderen Gruppen zusammenstehen, die von Ereignissen handeln, welche sachlich, örtlich und ihrer zeitlichen Kontinuität nach zusammengehören und sich gegenseitig bestätigen oder ergänzen. Eine solche dem Gesamtvorgang der Vertreibung in seinem Ablauf und seiner gebietsmäßigen Verschiedenheit widerspiegelnde Anordnung war unerläßlich, sollte die Vielzahl der teilweise sehr umfangreichen Berichte sich nicht in ein unüberschaubares Nebeneinander verlieren und zu ermüdender Wiederholung führen. Aus diesem Gesichtspunkt heraus hat sich die Wissenschaftliche Kommission dazu entschlossen, auch der Kürzung oder Teilung von Berichten zuzustimmen, wenn dies die einzige Möglichkeit war, sachlich Zusammengehöriges in übersichtlicher Weise anzuordnen. Überall dort, wo aus Gründen der Anordnung Auslassungen von größeren Partien oder eine Zerschneidung von Dokumenten vorgenommen wurde, ist dies jedoch mit Hilfe besonderer, durch Kursivdruck hervorgehobener Überleitungstexte kenntlich gemacht worden, die jeweils eine kurze inhaltliche Charakterisierung der ausgelassenen Stellen enthalten oder durch Anmerkungen auf den Ort innerhalb der Dokumentation verweisen, wo sich der abgetrennte Teil eines Berichts vorfindet. Nur völlig unerhebliche Auslassungen weniger Worte sind lediglich durch Punkte markiert worden. Der ursprüngliche Charakter und die Einheit der Erlebnisberichte wurden somit trotz gelegentlicher Kürzungen und Zerlegungen keineswegs entstellt, zumal jede Sorgfalt angewandt wurde, um Auslassungen des Originaltextes auf ein Mindestmaß herabzudrücken. So sind mitunter auch einzelne sehr subjektive Äußerungen nicht angetastet worden, selbst da, wo es sich um leidenschaftliche und


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einseitige Urteile handelt, wenn nur durch sie der objektive historische Gehalt der betreffenden Dokumente nicht in Frage gestellt wurde. Auch Stileigentümlichkeiten sind nirgends verbessert worden, und selbst bei der im allgemeinen durchgeführten Korrektur orthographischer Fehler wurde dort haltgemacht, wo diese in ihrer unverfälschten Unmittelbarkeit selbst Aussagewert gewinnen. Absichtlich ist beim Abdruck der Dokumente mit äußerster wissenschaftlicher Akribie verfahren worden. Obwohl es sich bei den vorliegenden Quellen nicht um aktenmäßige, urkundliche Zeugnisse handelt, sondern um „Gedächtnisprotokolle”, denen man den Gelegenheitscharakter ihrer Entstehung zuweilen anmerkt, wurden sie doch in der Art ihrer Behandlung abgeschlossenen, aus dem historischen Vorgang selbst erwachsenen Dokumenten gleichgestellt. So wurde an den Kopf jedes Dokumentes eine in Petitdruck gehaltene Erläuterung gestellt, aus der Art und Umfang des Originaldokumentes, das Datum der Abfassung sowie Name, Beruf und ehemaliger Wohnort des Verfassers in den Vertreibungsgebieten ersichtlich sind. Ein Teil der Verfassernamen mußte jedoch im Hinblick auf besondere persönliche Umstände mancher Berichterstatter verschwiegen werden. Es muß aber ausdrücklich festgestellt werden, daß sämtliche Verfasser der veröffentlichten Dokumente persönlich beglaubigt und ihre vollen Namen bekannt sind.”

Da Ungarn unter den im Potsdamer Abkommen festgelegten Vertreibungsgebieten aus mehreren Gründen eine besondere Stellung einnimmt, mußten die für die Gesamtpublíkation geltenden Grundsätze im einzelnen etwas anderen Voraussetzungen angepaßt werden, als sie etwa für das Deutschtum in den Gebieten östlich der Oder und Neiße bestanden. Von vornherein machte sich geltend, daß es sich in Ungarn nicht um ein geschlossen siedelndes, zahlenmäßig starkes Deutschtum handelte, sondern um eine im Staate eine kleine Minderheit darstellende Volksgruppe. Die Dokumentation seiner Schicksale seit 1944/45 konnte daher nicht mit der Fülle der Quellen rechnen, wie sie für die deutsche Bevölkerung in den Gebieten östlich der Oder und Neiße zur Verfügung standen. Die Auswahl mußte vielmehr aus einer relativ kleinen Zahl von Berichten getroffen werden.

Es kommt hinzu, daß sie sich aus anderen Gründen noch weiter einengte. Die Ausdrucksfähigkeit der ungarländischen „Schwaben” in der deutschen Hochsprache ist infolge mangelnder deutscher Schulbildung wenig entwickelt, die Scheu vor einer eigenhändigen Niederschrift der eigenen Erlebnisse deshalb weit verbreitet. In mehreren Fällen gelang es dadurch Abhilfe zu schaffen, daß Berichte in der gesprochenen Mundart verfaßt wurden. Daneben mußte jedoch auch zu dem Mittel gegriffen werden, Berichte auf Grund von Befragungen aufnehmen zu lassen. Die Wissenschaftliche Kommission ist sich bewußt, daß sie damit eine Form von Dokumenten verwertet hat, die nicht immer unbedenklich ist. Die Aussage des Befragten findet unter Umständen in dem von einem Protokollführer fixierten Wortlaut nur einen gebrochenen Ausdruck, das persönliche Kolorit kann zugunsten einer mehr schematischen Darstellungsweise zurücktreten, wenn nicht verlorengehen. Nur die strengste Siebung unter diesen „Befragungsberichten” konnte solche Gefahren bannen und die Herausgeber betonen, daß sie die schärfsten Maßstäbe angelegt und auf Dokumente dieser Art nur


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dann zurückgegriffen haben, wenn selbstverfaßte Erlebnisberichte nicht ermittelt werden konnten.

Die Anordnung der Dokumente ist wie schon in Band I nicht nach regionalen Gesichtspunkten vorgenommen worden, sondern folgt dem Gang der Ereignisse in seinen einzelneu Phasen. Das erwies sich als richtig, da trotz der landschaftlichen Streuung des ungarländischen Deutschtums seine politischen Schicksale in den einzelnen Siedlungsgebieten kaum voneinander abweichen. Lediglich zwei größere Niederschriften (Nr. 51 und Nr. 52), die auf Tagebuchnotizen zurückgehen, geben einen Längsschnitt durch die Ereignisse von 1945—1948 und sind als Ganzes an den Schluß gestellt, da ihre Aufteilung auf die einzelnen Abschnitte ihren dokumentarischen Wert erheblich herabgemindert hätte.

Die einleitende Darstellung ist im wesentlichen auf den Zweck ausgerichtet, auf die Lektüre der Dokumente hinzuführen. Doch ließ es sich nicht vermeiden, daß, um das Verständnis der in den Berichten erzählten Vorgänge zu erleichtern, im weiteren Zusammenhang auf die politische Entwicklung des ungarländischen Deutschtums in den Jahren seit dem Ende des Ersten Weltkrieges eingegangen wurde. Eine abschließende Darstellung und Beurteilung dieser Zusammenhänge soll allerdings dem geplanten Schlußband vorbehalten bleiben.

Die hier abgedruckten Dokumente gehen teilweise auf die unter Leitung von Professor Dr. Fritz Valjavec, München, durchgeführten Sammlungen, teilweise auf solche des Arbeitskreises von Dr. Ludwig Leber, Stuttgart, zurück. Die wissenschaftlichen Richtlinien dafür wurden in Beratung mit der Wissenschaftlichen Kommission aufgestellt, die selbst allerdings die wissenschaftliche Verantwortung nur für die Edition trägt. Ein von der Kommission herangezogener, unter Leitung von Prof. Dr. Theodor Schieder stehender Arbeitskreis hat die Auswahl und Auswertung der Dokumente durchgeführt und die wissenschaftliche sowie technische Editionsarbeit geleistet. In ihrem Rahmen hat vor allem Dr. Gerhard Papke, unterstützt von Dr. Hans Spiegel, die Fertigstellung dieses Bandes betreut.