Wie die Sudetendeutschen traf auch die Karpatendeutschen das Schicksal der Vertreibung aus ihrer Heimat1. Obwohl die wichtigsten gegen die deutsche Bevölkerung in der Tschechoslowakei erlassenen Gesetze und Maßnahmen für das gesamte Staatsgebiet galten, unterschied sich das Geschick der Karpatendeutschen vor und während der Vertreibung von dem der Sudetendeutschen in erheblichem Maße. Denn aus geschichtlichen, politischen und sozialen Gründen war das Verhältnis der Karpatendeutschen zu den Slowaken ein anderes als das der Sudetendeutschen zu den Tschechen, und auch der Ablauf der politischen Ereignisse in der Slowakei bis zur Vertreibung der Deutschen unterschied sich erheblich von den Vorgängen in den Sudetenländern. Ein weiterer Unterschied ergibt sich aus der soziologischen Struktur und der Siedlungsform der beiden Volksgruppen.
Im Gegensatz zu den Sudetendeutschen, deren Siedlungsgebiete sich fast ausschließlich unmittelbar an das geschlossene deutsche Sprachgebiet anlehnten, lebten die Karpatendeutschen in einzelnen Streusiedlungen, als kleine Splittergruppen in den auf deutsche Gründungen zurückgehenden und nun slowakischen Städten2 und in den schon stark von Slowaken durchsetzten Sprachinseln: der Zips, dem Hauerland und dem Preßburger Raum.
Mit ihrer bis ins 12. Jahrhundert zurückreichenden historischen und kulturellen Tradition kann die Z i p s als die bekannteste deutsche Sprachinsel in der Slowakei gelten. Sie teilte sich in zwei geschlossenere und nur lose zusammenhängende Gebiete. Im Tal der Popper und ihren Nebentälern am Fuße der Hohen Tatra zog sich von Poprad (Deutschendorf) im Westen und Leutschau im Süden bis über den politischen und kulturellen Mittelpunkt Käsmark nach Nordosten auslaufend die siedlungsgeschichtlich ältere Oberzips hin1. Südlich davon, im Flußgebiet der Hernad und Göllnitz, dehnte sich von Zipser Neudorf im Norden bis Untermetzenseifen im Süden die Unterzips oder der Gründner Boden aus.
Ober- und Unterzips, die bereits seit dem 13. Jahrhundert von Deutschen besiedelt waren2, bildeten ursprünglich ein zusammenhängendes deutsches Siedlungsgebiet, das jedoch schon verhältnismäßig früh wieder eingeengt wurde. Die Hussiteneinfälle in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts vernichteten die deutschen Siedlungen zwischen den beiden Sprachinseln ebenso wie die im oberen Waagtal, die bis dahin die Verbindung zum Hauerland aufrechterhalten hatten3. Später dezimierten die Kämpfe des protestantischen Adels gegen die katholische Dynastie die Zahl der deutschen Ortschaften, und die Konfessionspolitik der Habsburger, die ganze Gemeinden der evangelischen Zipser aussiedelten und durch katholische Slowaken ersetzten, trug viel zur Entdeutschung einzelner Landstriche bei4. In den einst deutschen Städten der weiteren Umgebung der Zips — zwischen Dobschau im Westen, Kaschau im Süden und Preschau im Osten — hatten
sich nur kleinere deutsche Splittergruppen gehalten1. Ebenso bekannten sich in Bartfeld, Homenau und Michalovce in der Ostslowakei nur noch einige Hundert Einwohner zum Deutschtum. Aber auch das Kerngebiet der Zips war von Slowaken und im Süden von Madjaren durchsetzt.
Die Ergebnisse der Volkszählung von 1930 ergaben folgendes Zahlenbild2: Oberzips 25 162 Deutsche, Unterzips 13 141 Deutsche.
Zu diesen 38 303 Zipser Deutschen müssen noch Splittergruppen des Vorlandes hinzugerechnet werden.
Von den im 13. Jahrhundert gegründeten Bergbaustädten der Mittelslowakei3 waren im 14. Jahrhundert in den waldreichen Flußtälern deutsche Rodungsdörfer angelegt worden4. Die für die Rodungen gebräuchliche Bezeichnung „Hau” kehrt in den Ortsnamen häufig wieder, und danach erhielt diese Sprachinsel den Namen Hauerland5. Das Deutschtum in den Städten, als den wirtschaftlichen Mittelpunkten, ist im Laufe der Jahrhunderte fast verschwunden: es wanderte aus oder wurde slowakisiert6. Nur die abgelegenen dörflichen Siedlungen hatten ihren deutschen Charakter auch in der Zusammensetzung der Bevölkerung fast rein bewahrt. Es sind dies 25 Ortschaften, die in zwei benachbarten Sprachinseln um die Hauptorte Kremnitz im Quellgebiet der Turz und Deutsch Proben am Oberlauf der Neutra liegen.
Die zahlenmäßig stärkste deutsche Gruppe mit 24 415 Seelen wohnte um Deutsch Proben; in der Kremnitzer Sprachinsel lebten 10 622, in der etwas abseits liegenden Siedlung Hochwies-Paulisch 4692 und verstreut in einzelnen slowakischen Orten der Umgebung, besonders in den Städten, noch 1226 Deutsche. Insgesamt lebten (1930) im Hauerland 41 255 Einwohner deutscher Volkszugehörigkeit7.
Preßburg, die Hauptstadt der Slowakei, gehört noch zu den Ausläufern des geschlossenen bayrisch-österreichischen Siedlungsgebietes8. Der
während des Mittelalters rein deutsche Charakter der Stadt begann zu verblassen, als sie nach der Schlacht von Mohacz (1526) die Hauptstadt des Königreichs Ungarn wurde und ihre Tore den madjarischen Untertanen öffnete, die dann besonders in den letzten Dezennien der ungarischen Herrschaft immer zahlreicher einströmten. Gleichzeitig setzte die Zuwanderung der umwohnenden Slowaken und auch der Tschechen ein; sie vervielfachte sich, als die Grenzziehung von 1919 die Stadt aus ihren alten politischen Bindungen löste und zur Tschechoslowakei schlug. Die Deutschen, durch Seuchen und Kriege dezimiert, konnten wohl gleichfalls durch Zuzug aus dem benachbarten geschlossenen deutschen Siedlungsgebiet ihren Bestand von rund 32 000 Seelen kontinuierlich halten, ihr prozentualer Anteil an der Gesamtbevölkerung sank aber gegenüber dem sprunghaft anwachsenden Slowaken- und Tschechentum stark ab und betrug 1930 nur noch 28 vom Hundert1. Trotzdem blieb Preßburg bis 1945 die Stadt mit dem größten deutschen Bevölkerungsanteil in der Slowakei. In der Umgebung Preßburgs befand sich in den von Slowaken durchsetzten Weinbauerndörfern am Südosthang; der Kleinen Karpaten und im Westzipfel der hauptsächlich von Madjaren bewohnten Großen Schüttinsel eine dichtere deutsche Streusiedlung, die sich eng an die Hauptstadt anlehnte. Die deutsche Bevölkerung der Umgebung Preßburgs kann mit etwa 19 000 Personen angegeben werden2. — Die Zahl der Deutschen in und um Preßburg betrug damit ca. 52 000. Insgesamt lebten in der Slowakei — nach den Ergebnissen der tschechoslowakischen Volkszählung von 1930 — 154 821 Deutsche, von denen 147 501
tschechoslowakische Staatsbürger waren1. Zum Zeitpunkt der slowakischen Volkszählung von 1940 betrug die Zahl der Deutschen in der Slowakei nach dem Gebietsstand von 1937 rund 155 0002.
Uneinheitlich wie Herkommen und Siedlungsgeschichte der einzelnen deutschen Sprachgruppen in der Slowakei war auch ihre soziologische Struktur. Die deutsche Bevölkerung der Zips stellte einen entsprechenden Anteil an allen Berufsgruppen: Kaufleute, Handwerker, Bauern, Fabrik- und Waldarbeiter. Im Hauerland dagegen hielten sich die Deutschen nur in dem Rückzugsgebiet der abgelegenen Rodungsdörfer als Kleinbauern, Kätner und Wanderarbeiter. Die städtischen Berufsschichten waren fast völlig im Slowakentum aufgegangen. Das Preßburger deutsche Bürgertum jedoch hatte trotz starker madjarischer, slowakischer und tschechischer Konkurrenz einen Teil der städtischen Berufe des Handels und Gewerbes in seiner Hand behalten. Daneben fristete aber ein erheblicher Teil der Deutschen sein Dasein als Arbeiter und Häusler. Die in der Umgebung der Stadt lebende deutsche Bevölkerung gehörte bis auf wenige Ausnahmen dem Bauern-(Weinbauern-) und Arbeiterstand an3. — An der Zivil- und Militärverwaltung hatte das Slowakeideutschtum kaum einen Anteil.
Auch in der Verteilung des religiösen Bekenntnisses glich keine der einzelnen Sprachinseln der anderen. Die Zipser Deutschen gehörten zu 60 bis 70 % der evangelischen Kirche an, der Rest der römisch-katholischen. Im Hauerland dagegen bekannte sich die überwiegende Mehrheit der Deutschen zum römisch-katholischen Glauben. Das Preßburger Deutschtum war zu zwei Dritteln römisch-katholisch, zu einem Drittel evangelisch4.