I. Stand der deutschen Bevölkerung in den Gebieten östlich der Oder–Neiße vor Beginn der sowjetischen Offensive nach Ostdeutschland.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Jede Darstellung der Austreibung der Deutschen aus dem Osten wird, wenn sie den richtigen Ausgangspunkt gewinnen will, von den Bevölkerungsbewegungen auszugehen haben, die sich während des zweiten Weltkrieges seit 1939 in allen Teilen des Deutschen Reiches vollzogen haben. Gelenkte und spontane Wanderungsvorgänge größten Stils, Evakuierungen auf der einen Seite, Menschenkonzentrationen auf der anderen veränderten den Bevölkerungsstand in den einzelnen Reichsgebieten gegenüber der Vorkriegszeit erheblich. Während der ersten Kriegshälfte — bis in die Jahre 1942/43 — waren Millionen von Männern zum Kriegsdienst einberufen worden1). Ihr Ausscheiden aus dem Zivilleben und aus der Wirtschaft sollte durch die Hinzuziehung von zahlreichen Kriegsgefangenen und ausländischen Zivilarbeitern, vor allem aus Polen, Frankreich und Rußland, ausgeglichen werden2). — Daneben ergaben sich aber noch Bevölkerungsverlagerungen anderer Art, besonders dadurch, daß neue Industrien errichtet, kriegswichtige Anlagen und Einrichtungen verlegt wurden. Dazu kam das Kontingent derer, die zur Verwaltung und Bewirtschaftung in die während der ersten Kriegsjahre eroberten und besetzten Gebiete außerhalb der Reichsgrenzen abströmten3), und schließlich die Hunderttausende von Volksdeutschen, die im Zuge der „Rücksiedlung” verstreuter


2E

deutscher Volksgruppen aus Osteuropa im Reichsgebiet untergebracht wurden1).

Mit dem Jahr 1043 begannen infolge der ständigen Verschärfung des Luftkrieges neue, noch tiefer greifende Veränderungen des Bevölkerungsstandes. Rund eine halbe Million Zivilpersonen fiel den Bombenangriffen zum Opfer2), und mit Beginn dieser Angriffe setzte die Evakuierung oder der freiwillige Abzug besonders von Frauen und Kindern aus den Großstädten und aus den am stärksten luftgefährdeten Gebieten im Nordwesten des Reiches und aus Berlin ein. Der Umfang dieser Bewegung geht daraus hervor, daß die Großstädte des deutschen Reiches (i. d. Grenzen von 1937), die vor Beginn des Krieges 22,5 Millionen Menschen beherbergt hatten, Ende 1944 nur noch eine Bevölkerung von 15 Millionen zählten3). Insgesamt waren es etwa 10 Milionen Menschen, d. i. nahezu ein Sechstel der damaligen deutschen Zivilbevölkerung des Reiches, die bei Kriegsende als Luftkriegsevakuierte, getrennt von ihren in näherer oder weiterer Entfernung gelegenen Wohnorten, in den verschiedensten Notunterkünften und Zufluchtsorten über das Reichsgebiet verstreut lebten4).

Alle diese kriegsbedingten Bevölkerungsverschiebungen wirkten sieh auf die deutschen Ostgebiete jenseits der Oder und Neiße aus. Gewiß noch höher als in den industriellen Gegenden des Reiches war in den vorwiegend agrarischen Ostgebieten der Anteil der zum Wehrdienst abberufenen Männer, da die Freistellungen vom Kriegsdienst in der Landwirtschaft nicht den zahlenmäßigen Umfang annahmen wie in der Industrie, und die Bauern und Laudarbeiter besser als die Facharbeiter in der Industrie durch ausländische Arbeitskräfte ersetzt werden konnten. Die Folge war, daß sich die arbeitsfähige Bevölkerung Ostpreußens, Ostpommerns, Ostbrandenburgs und Niederschlesiens in hohem Maße aus Frauen und ausländischen Arbeitern zusammensetzte, was sich in der kommenden Zeit der Flucht vor der Roten Armee sehr zum Schaden auswirkte. — Obwohl in den Ostgebieten jenseits der Oder und Neiße auf Grund der weiteren Entfernung von den alliierten Luftbasen größere Sicherheit vor Bombenangriffen bestand als in Mittel- und Westdeutschland, löste die in den letzten Kriegsjahren immer weiter ausgedehnte Tätigkeit der alliierten Luftwaffe auch in der, mit Ausnahme Oberschlesiens, geringen Zahl von ostdeutschen Großstädten eine Abwanderungsbewegung auf das Land aus. Lediglich in den Städten des oberschlesischen Industriegebietes, das als einziges noch von Bombenangriffen verschontes Industrierevier zu einem kriegswirtschaftlichen Schwerpunkt erster Ordnung geworden war, wurde die Evakuierung von Frauen und Kindern durch das Hinzukommen neuer Arbeitskräfte etwa ausgeglichen.


3E

Die Abwanderung aus ostdeutschen Großstädten während der letzten Kriegsjahre1).

Zusammen mit den Evakuierten aus den ostdeutschen Großstädten strömten Hunderttausende von Bombenflüchtlingen aus dem mittleren und westlichen Reichsgebiet in die ländlichen Gegenden Ostdeutschlands ein. Die Zunahme der Bevölkerung auf dem Lande war besonders auffällig in der näheren Umgebung der Großstädte. Auch landschaftlich begünstigte Gegenden wie das Riesengebirge und die Ostseeküste erwiesen sich als besondere Anziehungspunkte. In diese Gegenden führte u. a. auch die sogenannte Kinderlandverschickung, bei der schulpflichtige Kinder aus luftgefährdeten Städten in Heime auf dem Lande evakuiert wurden. — Als Beispiele für die Zunahme der Bevölkerung in den ländlichen Gebieten Ostdeutschlands sind im folgenden einige Landkreise aus den Provinzen östlich der Oder-Neiße angeführt, die eine besonders hohe Zuwanderungsquote auf wiesen:

Zustrom nach ländlichen Kreisen Ostdeutschlands in den letzten Kriegsjahren1).


4E

Unmittelbarer als die Evakuierung der westlichen Städte des Reiches wirkte sich auf Ostdeutschland die Evakuierung der Reichshauptstadt Berlin aus. Bis Ende 1944 hatten 1,5 Millionen Menschen Berlin verlassen1) und waren zunächst vor allem in Brandenburg, später aber auch zu großen Teilen in Ostpreußen, Schlesien und selbst im Reidugau Wartheland untergebracht worden. Zusammen mit den zahlreichen Westdeutschen, die meist aus persönlicher Initiative bei Verwandten und Bekannten in Ostdeutschland Unterkunft gefunden hatten, bewirkte der Bevölkerungszustrom aus Berlin, daß die Zahl der in Ostdeutschland lebenden Zivilbevölkerung in den letzten Kriegsjahren fortgesetzt anstieg. Diese Zunahme wurde jedoch auch durch den nicht unwesentlichen natürlichen Bevölkerungszuwachs mitverursacht. Denn wenn man von den Wehrmachtsverlusten, die bei der Ermittlung der Anzahl der bei Kriegsende in Ostdeutschland anwesenden Menschen unberücksichtigt bleiben können, absieht, ergibt sich, daß die Zahl der Lebendgeborenen während der Kriegsjahre in den Ostgebieten die Zahl der Verstorbenen um fast eine halbe Million übertraf.

Natürliche Bevölkerungszunahme in den Provinzen östlich der Oder-Neiße

von 1939—19432).

Die Folge des relativ hohen natürlichen Bevölkerungszuwachses, vor allem aber des Zustroms der Bombenflüchtlinge war, daß die Bevölkerungszahl der deutschen Provinzen östlich der Oder und Neiße im Frühjahr 1944, als noch keinerlei Bevölkerungsverschiebungen durch das Vordringen der Roten Armee eingetreten waren, trotz des Fehlens der zum Kriegsdienst Einberufenen höher war als 1939, wobei die im Lande befindlichen Kriegsgefangenen und ausländischen Zivilarbeiter nicht mitgezählt sind.


5E

Während die Gesamtzahl der Zivilbevölkerung des deutschen Reiches (i. d. Grenzen v. 1937) gegenüber dem Stand von 1939 durch die Einberufungen zur Wehrmacht um viele Millionen abgenommen hatte, war die Zahl der im Reichsgebiet östlich der Oder-Neiße lebenden Zivilbevölkerung sogar um 138 000 über den Friedensstand gestiegen. Diese Bevölkerungszunahme in Ostdeutschland war in erster Linie verursacht durch den Zustrom von Luftkriegsevakuierten aus den mittleren und westlichen Gebieten Deutschlands. Ihre ungefähre Zahl und Verteilung lassen sich aus den Ergebnissen der Verbrauchergruppenstatistik errechnen, die während des Krieges geführt wurde2).


6E

Wie die einheimische Ostbevölkerung wurden auch die Bombenevakuierten, die sich in Ostdeutschland aufhielten, in die Ereignisse der Vertreibung hineingerissen. Sie sind Mitleidende dieser Ereignisse gewesen, wenngleich sie hierbei nicht wie die einheimischen Ostdeutschen ihre angestammte Heimat verloren haben und deshalb auch in keiner Statistik der Vertriebenen enthalten sind. Zu den 9,7 Millionen Personen deutscher Staatsangehörigkeit, die am Ende des Krieges in den ostdeutschen Gebieten lebten, gehören neben den zahlenmäßig geringen echten Minderheiten fremden Volkstums auch die Gruppen, die zwar nicht oder nur teilweise der deutschen Sprachgemeinschaft zugerechnet werden können, jedoch in der überwiegenden Mehrzahl sich politisch als Deutsche fühlten, soweit sie nicht in die Kategorie des schwebenden Volkstums eingeordnet werden müssen. Dies gilt z. B. für diejenigen Masuren in Ostpreußen, die sprachlich noch nicht vollständig in das deutsche Volkstum aufgegangen waren, und für bestimmte Teile der das sogenannte W asser polnisch sprechenden Oberschlesier. In allen diesen Fällen lassen sich bei den verwickelten sprach- und volkspolitischen Verhältnissen des Ostens nationales Bewußtsein und Sprache nicht einfach gleichsetzen. Wie sich diese Gruppen beim Einfall der Roten Armee und später verhalten haben, läßt sich heute noch nicht hinreichend feststellen. Sicher ist jedoch, daß ihre Existenz die sehr fragwürdige Grundlage der polnischen Versuche bildete, rund eine Millionen Personen deutscher Staatsangehörigkeit in Ostdeutschland als sogenannte Autochthone zu reklamieren. Demgegenüber ist festzustellen, daß in den ostdeutschen Gebieten (Reichsgrenzen v. 1937) bei Beginn des 2. Weltkrieges im Ganzen nur etwa 450 000 Angehörige entweder nicht deutsch sprechender oder doppelsprachiger Volksgruppen lebten1), von denen jedoch nur etwa der vierte Teil echten Minderheiten zugehörte, während der überwiegende Teil seinem politischem Bewußtsein nach deutsch gesinnt war2).


7E

Die Erfassung der Anzahl der Deutschen, die bei Kriegsende östlich der Oder-Neiße lebten und infolgedessen das Schicksal der Vertreibung erlitten, wäre sehr unvollständig, würde sie nicht auch alle jene Deutschen einbeziehen, die außerhalb der deutschen Ostgrenzen (nach dem Stande vom 31. Dezember 1937) ansässig waren. Es handelt sich hierbei vor allem um die fast rein deutsche Bevölkerung Danzigs und um die zahlreichen deutschen Memelländer, von denen ein kleiner Teil litauisch sprach. Ferner wurden in gleicher Weise wie die Reichsdeutschen östlich der Oder-Neiße auch die rund 1,5 Millionen Personen eindeutig deutscher Volkszugehörigkeit betroffen, die in den Gebieten des polnischen Staates (i. d. Grenzen von 1937) lebten. Vor allem Westpreußen und der nach der deutschen Besetzung gebildete Reichsgau Wartheland sowie der polnische Teil Ostoberschlesiens hatten eine zahlreiche einheimische deutsche Bevölkerung, die während des Krieges noch vermehrt worden war durch den Zuzug von Umsiedlern aus den baltischen Staaten, aus Wolhynien, Bessarabien, der Dobrudscha, der Bukowina und der Gottschee. Auch aus dem Reich waren während der Zeit der deutschen Okkupation einige Hunderttausend Deutsche nach Polen zugewandert. Teils waren es Personen, die in den Jahren nach 1919 durch systematischen polnischen Boykott aus diesen Gebieten verdrängt worden waren1) und nach 1939 zurückkehrten, teils auch Reichsdeutsche, die zur Verwaltung und Bewirtschaftung der polnischen Gebiete ins Land kamen.


8E

Aus den vorangegangenen Übersichten geht hervor, daß bei Kriegsende in den Reichsgebieten östlich der Oder-Neiße (i. d. Grenzen von 1937) 9,75 Millionen Menschen deutscher Staatsangehörigkeit lebten, die mit geringen Ausnahmen auch eindeutig deutscher Sprach- und Volkszugehörigkeit waren. Daneben waren zur gleichen Zeit in Danzig, im Memell a n d und in P o l e n 2,14 Millionen Personen deutscher Volkszugehörigkeit anwesend. Dies bedeutet, daß über 11 Millionen Menschen östlich der Oder und Neiße wegen ihrer deutschen Volkszugehörigkeit die Ereignisse im Zusammenhang mit der Vertreibung erleiden mußten. — Nicht einbegriffen in diese Zahl sind ca. 1,5 Millionen zum Kriegsdienst eingezogener ostdeutscher Männer, die, soweit sie aus dem Kriege zurückgekehrt sind, ebenso zu Heimatvertriebenen wurden wie ihre ostdeutschen Angehörigen, die den Vertreibungsprozeß selbst erlebt hatten.


9E