1. Die Vergewaltigungen von Frauen.

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Unter den Ausschreitungen der einziehenden russischen Truppen hatten ganz besonders die Frauen zu leiden. Bei den zahlreichen Erlebnisberichten, die vom Einzug der Roten Armee handeln, gibt es kaum einen, der nicht von Vergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen zu berichten weiß, in vielen wird sogar in aller Offenheit von selbsterlittenen Vergewal-


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tigungen erzählt1). Es kann auch bei kritischster Prüfung dieser Berichte kein Zweifel sein, daß es sich bei den Vergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen durch sowjetische Soldaten und Offiziere um ein Massenvergehen im wahren Sinne des Wortes handelt, keineswegs um bloße Einzelfälle. Darauf deutet schon hin, daß förmliche Razzien auf Frauen unternommen wurden2), daß ferner manche Frauen in vielfacher Folge nacheinander mißbraucht wurden3) und daß die Vergewaltigungen oft in aller Öffentlichkeit vor sich gingen4). In gleicher Weise befremdend und Entsetzen erregend wirkte es auf die deutsche Bevölkerung, daß von den Vergewaltigungen auch Kiáder und Greisinnen nicht verschont wurden5). Abgesehen von den physischen und psychischen Schädigungen, die die Vergewaltigungen für die ungeheure Zahl der betroffenen deutschen Frauen bedeuteten, haben besonders die Brutalität und Schamlosigkeit, mit der sich diese Vorgänge oft vollzogen, zur Verbreitung von Angst und Schrecken unter der deutschen Bevölkerung beigetragen.

Es läßt sich erkennen, daß hinter den Vergewaltigungen eine Verhaltensweise und Mentalität stand, die für europäische Begriffe fremd und abstoßend wirkt, und man wird sie teilweise auf jene, besonders in den asiatischen Gebieten Rußlands noch nachwirkenden Traditionen und Vorstellungen zurückführen müssen, nach denen die Frauen im gleichen Maße eine dem Sieger zustehende Beute sind, wie Schmuckstücke, Wertgegenstände und die Sachgüter in Wohnungen und Magazinen.

Ohne eine solche unter den sowjetischen Truppen verbreitete Grundhaltung wären die Formen und die massenhaften Fälle von Vergewaltigungen nicht denkbar. Die Tatsache, daß sowjetische Soldaten asiatischer Herkunft sich dabei durch besondere Maßlosigkeit und Wildheit hervortaten6), bestätigt, daß gewisse Züge asiatischer Mentalität wesentlich zu jenen Ausschreitungen beigetragen haben.

Aber noch anderes ist in Rechnung zu stellen. Durch Soldatenzeitungen, Flugblätter und Rundfunksendungen, z. B. des Schriftstellers Ilja Ehrenburg, sind die sowjetischen Truppen vor Beginn der Offensive gegen die deutschen Gebiete und noch in den Wochen der Eroberung mit brutaler Offenheit dazu aufgefordert worden, Rache und Vergeltung an den Deutschen zu üben. Von deutschen Truppen erbeutete Briefe russischer Soldaten sowie sow-


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jetische Zeitungen aus dieser Zeit bestätigen dies einwandfrei1), und von exilrussischer Seite ist offen zugegeben worden, daß ein Teil der sowjetischen Offiziere und Soldaten und besonders die überzeugten Stalinisten unter ihnen durch diese Haßparolen Ilja Ehrenburgs und anderer sowjetischer Journalisten beeinflußt wurden und die Schändung deutscher Frauen als einen Akt der Rache an den Deutschen betrachteten2). Nur auf diese Weise läßt es sich erklären, daß es in vielen Fällen nicht bei der Vergewaltigung blieb, sondern daß die deutschen Frauen anschließend getötet und mitunter auf sadistische Weise entstellt wurden3).

Manches davon mag auf das Konto einer durch den Krieg verursachten Zügellosigkeit gehen, im ganzen lassen sich die Vorgänge jedoch damit nicht erklären und entschuldigen. Es steht auch fest, daß zumindest in den ersten Wochen der Besetzung der deutschen Gebiete die sowjetische Armeeführung und die Truppenführer gegen die massenhaften Vergewaltigungen deutscher Frauen nicht eingeschritten sind, sie also durchaus duldeten, wenn nicht förderten4).

Es soll im Interesse objektiver Berichterstattung nicht verschwiegen werden, daß es erfreulicherweise auch unter den russischen Soldaten und Offizieren eine beträchtliche Anzahl gegeben hat, die sich nicht an den Ausschreitungen beteiligten, ja den Frauen und Mädchen sogar ihren Schutz anboten oder durch energisches persönliches Eingreifen manche Vergehen verbinderten. Sie haben damit verdient, besonders hervorgehoben zu werden5). Trotz solcher rühmenswerten Ausnahmen bleibt die Tatsache bestehen, daß die Vergewaltigungen zu den furchtbarsten Vorgängen innerhalb des Gesamtprozesses der Vertreibung gehören.

Sie hatten zur Folge, daß zahllose deutsche Frauen durch Geschlechtskrankheiten und sonstige körperliche Schädigungen für ihr ganzes Leben ruiniert wurden, und vor allem, daß seelische Depressionen und Verzweiflung.


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daneben ein dumpfer Fatalismus sich unter ihnen ausbreitete. Viele zogen den von eigener Hand gegebenen Tod der immer wiederholten Schande vor1). Viele leiden noch heute unter den psychischen Nachwirkungen des Schreckens und der Entehrung.