2. Die Tötung ostdeutscher Zivilpersonen.

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Neben den zügellosen Ausschreitungen gegenüber Frauen und Mädchen kam es in den Tagen unmittelbar nach dem Einzug der Roten Armee in den Städten und Dörfern Ostdeutschlands zu zahlreichen „Liquidierungen” von Zivilpersonen und auch zu bloßem Mord. Es handelte sich dabei in der Regel um ein Vorgehen, dem keine auch nur formale gerichtliche Entscheidung vorherging, sondern um bloße Exekutionen auf Grund irgendwelcher Verdachtsmomente oder Beschuldigungen und oft genug auch um rein willkürliche Handlungen einzelner Sowjetsoldaten.

Trotz großer Verschiedenheit der Vorfälle im einzelnen läßt das Vorgehen der sowjetischen Truppen gewisse Grundzüge erkennen, die auf allgemeine Motive schließen lassen. So wurden von den Erschießungen durch einrückende sowjetische Truppen zunächst vor allem Personen betroffen, die exponierte Parteistellen innehatten oder bestimmten nationalsozialistischen Organisationen angehörten. In gleicher Weise wie die Ortsgruppenleiter und Ortsbauernführer, die SA- und SS.-Männer wurden häufig aber auch Bürgermeister und höhere Angestellte der Zivilverwaltung sowie Polizeiangehörige behandelt, von denen die Sowjets offenbar annahmen, daß sie allesamt führende NS.-Funktionäre waren2).

Im Unterschied zu der Behandlung von Parteimitgliedern, wie sie sich in der späteren Zeit der russischen Militäradministration und der polnischen Verwaltung entwickelte, sind diejenigen Personen, die direkt von den einziehenden russischen Truppen — zu Recht oder Unrecht — als exponierte NS.-Leute identifiziert wurden, zu einem großen Teil kurzerhand ohne weiteres Verfahren erschossen worden. Fast überall in den Dörfern und Städten Ostdeutschlands sind auf diese Weise hier einige, dort mehrere Menschen getötet worden3), die offenbar durch die den sowjetischen Truppeneinheiten beipegebenen politischen Kommissare aufgespürt worden waren.

Es steht fest, daß bei diesen Exekutionen viele an verbrecherischen Maßnahmen des NS.-Regimes völlig Unbeteiligte ums Leben gekommen sind. Dies rührt zum Teil daher, daß die russischen Kommissare eine oft sehr unzutreffende Vorstellung von den Kompetenzen und der Verantwortlichkeit der einzelnen NS.-Funktionäre und -Organisationen hatten4). Wie weit die Unkenntnis oder aber der Mutwille auf russischer Seite in dieser Beziehung ging, wird daran deutlich, daß es wiederholt vorkam, daß fälschlicherweise


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Eisenbahnbeamte, Feuerwehrleute und andere Uniformträger des öffentlichen Dienstes als Angehörige nationalsozialistischer oder militärischer Organisationen betrachtet nnd ohne Befragung erschossen wurden. Nicht anders wurde gegen diejenigen verfahren, in deren Wohnungen Waffen oder Uniformstücke gefunden worden waren1). In vielen solchen Fällen genügten der bloße äußere Anschein und der geringste Verdacht, um Menschen hinzurichten.

Eine wichtige Rolle spielte in dieser Hinsicht vor allem der Verdacht, die von den sowjetischen Truppen in ihren Heimatorten angetroffenen Deutschen seien als Partisanen mit geheimem Auftrag zurückgelassen worden2). Zweifellos leitete sich dieser Verdacht von den offiziellen deutschen Ankündigungen über die Schaffung des „Werwolfs” wie von der wohlorganisierten Partisanentätigkeit her, mit der die Sowjets in Rußland die deutschen Truppen bekämpft hatten. Nichtsdestoweniger war er bei der allgemeinen Verängstigung und Einschüchterung der zurückgebliebenen deutschen Bevölkerung unhaltbar. Es geschah besonders in den ersten Wochen des sowjetischen Vordringens nach Ostdeutschland überaus häufig, daß vor allem Männer auf Grund irgendeines den argwöhnischen Sowjetsoldaten verdächtig erscheinenden Verhaltens kurzerhand erschossen wurden3).

Auch andere Motive wirkten bei den Erschießungen von Deutschen in den Tagen des Einzuges der sowjetischen Armeen mit. Besonders der aus den Traditionen der russischen Revolution stammende Haß gegen die „Kapitalisten” fand vielfältig Entladung4). Da nicht nur Großgrundbesitzer und Unternehmer, sondern auch kleine Leute, soweit sie nur ein eigenes Haus besaßen, in den Augen der sowjetischen Soldaten „Kapitalisten” waren, sind von diesen Haßgefühlen nahezu unterschiedslos sowohl Gutsbesitzer und Geschäftseigentümer als auch Beamte, Angestellte und selbst Arbeiter betroffen worden. Die in Ostdeutschland besonders zahlreichen Gutsbesitzer wurden in den Augen der Russen in besonderer Weise in schlechtes Licht gesetzt durch den Umstand, daß bei ihnen während des Krieges zahlreiche russische Kriegsgefangene und Zivilarbeiter beschäftigt gewesen waren. Die Aussagen dieser russischen oder auch polnischen Zivilarbeiter oder Kriegsgefangenen waren deshalb für das Schicksal der Gutsbesitzer und ihrer Familien im positiven wie im negativen Sinne vielfach entscheidend5). Die geringste Beschuldigung wegen schlechter Behandlung kostete manchem Landwirt das Leben, wie andererseits auch positive Zeugnisse oft Wunder wirkten.

Daneben zeigen sehr viele andere Beispiele von Erschießungen, daß die Tötung von Deutschen in hohem Maße dem seltsam naiven und zu plötzlichen und willkürlichen Handlungen fähigen Temperament der Russen zugeschrieben werden muß, dessen Unberechenbarkeit sich in den Tagen der Eroberung dadurch noch unheilvoller auswirkte, daß große Teile der sowjetischen Truppen fast ständig unter Alkoholeinfluß standen. Die zahllosen Trinkgelage


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endeten fast regelmäßig nicht nur mit Vergewaltigungen von Frauen, sondern auch mit Schießereien, denen nicht wenige völlig unschuldige Deutsche zum Opfer fielen. Doch auch wenn sie sich in nüchternem Zustand befanden, war es für viele russische Soldaten charakteristisch, daß sie in einer spielerischkindlichen Weise mit ihren Schußwaffen umgingen und jederzeit zum Schießen und Erschießen bereit waren, was vielen ahnungslosen Deutschen das Leben kostete1).

Häufig kam es vor, daß Männer, die der Vergewaltigung ihrer Ehefrauen und Eltern, die der Schändung ihrer Töchter widerstand leisten wollten, brutal niedergeschossen wurden2), ebenso wie Frauen, die sich nicht mißbrauchen lassen wollten, oder Alte und Schwache, die nicht erfüllen konnten, was von ihnen verlangt wurde3). In einzelnen Fällen waren auch völlig belanglose Dinge, nicht selten sprachliche Mißverständnisse, die Ursache, daß von der Schußwaffe Gebrauch gemacht wurde. Es muß als charakteristischer Zug dieser Vorgänge festgehalten werden, daß hinter ihnen — im Gegensatz zu den späteren polnischen Ausschreitungen — viel weniger nationalistisch bestimmter Deutschenhaß stand, sondern teils Sozialrevolutionäre, kommunistische oder antifaschistische Gefühle, teils einfach selbstherrliche naive Willkür des einzelnen russischen Soldaten oder Offiziers.

Noch ist es zur Zeit nicht möglich, eine Schlußbilanz der Zahl der Opfer zu ziehen, die in den ostdeutschen Gebieten während des Einzuges der Roten Armee umgekommen sind. Systematische Umfragen und Ermittlungen, deren Ergebnisse für eine große Zahl von ostpreußischen und ostpommerschen Landgemeinden vorliegen4), lassen jedoch bereits Schlüsse auf die vermutliche Gesamthöhe dieser Verluste zu. Aus ihnen geht übereinstimmend hervor, daß von der zurückgebliebenen deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße durchschnittlich 2—3 Prozent in den ersten Wochen nach der russischen Besetzung erschossen oder auf andere Weise umgebracht wurden, was bedeuten würde, daß insgesamt rund 75 000 bis 100 000 Menschen aus Ostdeutschland allein durch Gewaltmaßnahmen dieser Art ums Leben gekommen sind.


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