3. Plünderungen und Brandstiftungen.

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Neben den Vergewaltigungen der Frauen und den Erschießungen, von denen vor allem die Männer bedroht waren, gab es auch Übergriffe, denen keiner der zurückgebliebenen Deutschen entrann und die, mochten sie auch im einzelnen als nicht so tragisch empfunden worden sein, doch auf Grund ihrer allgemeinen Verbreitung die deutsche Bevölkerung stark in Mitleidenschaft zogen.

An erster Stelle stehen hier die unaufhörlichen Plünderungen und Beraubungen, die beim Einmarsch der Roten Armee begannen und noch lange unter der russischen Besatzung andauerten, so daß die zurückgebliebene ostdeutsche Zivilbevölkerung durch fortgesetzte Beraubungen ihrer persönlichen Habe weitgehend verarmte.

Das furchtbare Ausmaß, das die Plünderungen in den ersten Tagen und Wochen nach der Eroberung der ostdeutschen Städte und Dörfer angenommen haben, die systematische Gründlichkeit, mit der sie geschahen, läßt auf planmäßiges Vorgehen schließen. Zweifellos hatten die sowjetischen Truppen lange Zeit uneingeschränkte Plünderungfreiheit. Nicht nur, daß die sowjetische militärische Führung ihre Soldaten gewähren ließ, sie ermunterte sie noch in ganz offensichtlicher Weise, sich an deutschem Eigentum zu bereichern, oder leistete durch gelenkte Maßnahmen Plünderungsaktionen Vorschub1).

So spielten Plünderungsabsichten zweifellos eine wichtige Rolle, wenn in größeren Orten, z. B. in Königsberg, Elbing und Danzig, daneben auch besonders in pommerschen Städten die deutsche Bevölkerung nach dem Einzug der Russen in tagelangen Märschen in der Umgebung umhergetrieben wurde2). Obwohl diese zeitweiligen Austreibungen mitunter durch die Nähe der Front bedingt waren oder auch anderen Zwecken, wie Verhören und Registrierungen dienten, so stand dabei doch offenbar die Absicht im Vordergrund, durch eine vorübergehende Entfernung der Bevölkerung aus ihren Wohnungen das deutsche Eigentum für die Beschlagnahme und Aneignung durch die sowjetischen Truppen freizugeben. Bei diesen Aktionen hat zweifellos die Vorstellung eine Rolle gespielt, daß der einzelne russische Soldat auf seine Weise au einer Wiedergutmachung teilnehmen solle. Der Warenhunger von Menschen, die aus einem Lande kamen, in dem seit Jahrzehnten ein ungeheurer Mangel an Verbrauchsgütern bestand, trug das


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Seinige dazu bei, den ideologisch genährten Haß gegen alle Besitzenden zu offenen Raubhandlungen oder, was noch fuchtbarere Wirkungen hatte, zu systematischen Zerstörungsakten zu steigern.

Viele Erlebnisberichte geben ein Bild nicht nur von Raub und Plünderungen, sondern auch von mutwilligen und fahrlässigen Vernichtungen, von Brandstiftungen in Wohnungen, Häusern, ja von der Niederbrennung ganzer Orte und Stadtteile. Da ein großer Teil der Wohnungen nnd Häuser leer stand, als die ostdeutschen Provinzen erobert wurden, gab es nichts, was die sowjetischen Truppen hätte hindern können, dort ganz nach ihrem Gefallen zu plündern und zu wüten. Diejenigen Deutschen, die von der Flucht zurückkamen, fanden in der Regel ihre Wohnungen in völlig ruiniertem Zustand vor. Besonders dann, wenn die sowjetischen Truppen in Erfahrung gebracht hatten, daß der Besitzer dieses oder jenes Hauses Nationalsozialist war, oder wenn sie in verlassenen Wohnungen NS.-Embleme, Bilder von deutschen Soldaten, Hitlerbilder o. ä. fanden, führten solche Entdeckungen in der Regel dazu, daß die Wut gegen die abwesenden Besitzer sich auf deren Wohnungen und Häuser übertrug1), die meist nicht nur völlig verwüstet, sondern auch in Brand gesetzt wurden. Die Verlassenheit der Orte in jenen Tagen hat dazu geführt, daß das Feuer von den einzelnen Häusern ungehindert auf ganze Straßenzüge und Stadtteile übergriff und Brände in großer Zahl wüteten. Manchmal gewinnt man geradezu den Eindruck, daß das Feuer von vornherein planmäßig gelegt wurde, um nicht nur einzelne Gebäude, sondern ganze Orte in Brand zu setzen.

So wurden in allen deutschen Provinzen jenseits der Oder und Neiße — am zahlreichsten wohl in Pommern — viele Güter, Dörfer und Städte in den Tagen nach dem Einmarsch durch Feuer ganz oder teilweise vernichtet2). Unter den Großstädten war es vor allem Dauzig, das zu großen Teilen durch Brände zerstört wurde, die an einzelnen Stellen vorsätzlich angelegt worden waren, und dann immer weiter griffen, da niemand dagegen einschritt3).

Es ist erwiesen, daß durch die Zerstörungen und Brandstiftungen in den Tagen des Einmarsches der Roten Armee in Ostdeutschland größerer Schaden verursacht wurde als durch Bombenangriffe und Kampfhandlungen4).