Nr. 10: Die Räumung des Kreises Neumark.

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Bericht des ehemaligen Bürgermeisters der Stadt L ö b a u , Kreis N e u m a r k.

Original, 28. Juni 1952.

Nachdem im Sommer 1944 die Ostfront in Bewegung geraten war und die Rote Armee im Herbst 1944 bei Goldap und am Narew stand, war die Front nur noch ca. 80 km vom Kreise Neumark entfernt. Der Kanonendonner war zu hören. Vereinzelte zersprengte durchziehende deutsche Truppenteile, das Bekanntwerden der von den Russen in Nemmersdorf und Goldap an der überraschten deutschen Bevölkerung begangenen Morde, Vergewaltigungen, Verschleppungen und Plünderungen ließen besonders die deutschen Einwohner des Kreises Neumark mit Sorgen einer Ungewissen Entwicklung entgegensehen.

Der Bau einer Befestigungslinie durch den Kreis von der ostpreußischen Grenze bei Nappern zur Drewenz und weiter bis in den Kreis Strasburg stellte erhebliche Anforderungen an Arbeitskräften und Fuhrwerken im Kreisgebiet. Diese Linie beruhigte aber auch, da wir annahmen, daß sie im Ernstfall besetzt und dem Russen ein Halt bieten würde, zumal auch Pak im Kreisgebiet in Stellung gebracht und Munitions- sowie Treibstofflager angelegt wurden. Bei allen Sorgen glaubten wir doch alle nicht, daß wir unsere Heimat im Januar 1945 würden verlassen müssen.

Im Herbst 1944 teilte auch die Gauleitung in Danzig unsere Sorgen. Die Kreisleitung Neumark erhielt die Anweisung, die Evakuierung der Bevölkerung vorzubereiten. Als Aufnahmegebiet für den Kreis Neumark wurde der Kreis Berent westlich der Weichsel zugewiesen. Jede Gemeinde erhielt in diesem eine Aufnahmegemeinde, z. B. die Stadt Neumark die Stadt Schöneck und Löbau die Stadt Berent. Die Verbindung beider Kreisleitungen wurde hergestellt. Die Treckstraßen, die Weichselübergänge, die Übernachtungsorte wurden festgelegt. Die einzelnen Gemeinden des Kreises Neumark erhielten dies mitgeteilt. Sie hatten die Sammelplätze für die Trecks, die Führer und Gehilfen für die Wagen- und Viehtrecks bestimmt. Außerdem war den Landgemeinden aufgegeben, für die Städte Neumark und Löbau eine bestimmte Zahl Fuhrwerke zu stellen. Ferner hatten die Ortsgruppen für die einzelnen Familien Benachrichtigungszettel vorzubereiten, in die bei Auslösung des Räumungsbefehls der Abgang von Evakuierungszügen bzw. der Trecks eingetragen und den einzelnen Familien zugestellt werden sollte.1) Diese Vorbereitungen waren bis Weihnachten 1944 abgeschlossen. Sie sind mir persönlich bekannt, da ich diese als Bürgermeister von Löbau durchzuführen hatte. Gleichzeitig wurde den Evakuierten aus den Bombengebieten und kinderreichen Familien nahegelegt, das Gebiet westlich der Weichsel aufzusuchen und auch den übrigen Bewohnern angeraten, Werte nach dort zu verlagern. Auch den Geschäftsleuten wurde dieses aufgegeben und angeordnet, nur das Notwendigste auf Lager zu halten. Es sollte aber keine Panikstimmung erzeugt werden.

Die polnische Bevölkerung des Kreisgebietes verhielt sich ruhig und wartete ab. Sie wollte ein freies Polen, aber nicht ein bolschewistisches.


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Die letzten Weihnachtsfeiertage in der Heimat verliefen ruhig. Eine kleine Unruhe entstand, da vorsichtshalber die Panzerbekämpfungstrupps des Volkssturms alarmiert wurden und an den Straßen Sicherung bezogen. In der Nacht zum 1. Feiertag wurden auch die Truppen im Kreise zur Panzerbekämpfung vorbeugend bereitgestellt. Diese Maßnahmen wurden nach dem Fest wieder eingestellt. Ich werde hier an ein kleines Erlebnis erinnert. Ich fragte einen Volkssturmmann der Abteilung III des Deutschen Volkssturms, der Panzerwache hatte, was er tun würde, wenn ein russischer Panzer käme, und erhielt die Antwort: „Ich rufe Halt, und frage nach Ausweis.” Es mehrten sich in dieser Zeit die Fahnenflucht von Angehörigen der Abteilung III der Deutschen Volksliste (eingedeutschte Polen). Der Wohnungsbau für die Bombengeschädigten und andere Maßnahmen liefen neben dem Festungsbau weiter, so daß wir den Eindruck hatten, daß nichts zu befürchten sei.

So kam Mitte Januar 1945 heran. Die russische Winteroffensive begann. Der Volkssturm wurde einberufen und in den Dörfern der Befestigungslinie ausgebildet sowie in dieselbe eingewiesen. Am 18. Januar 1945 vormittags waren wir Bürgermeister und Amtskommissare des Kreises Neumark im Landratsamt Neumark zu einer Dienstbesprechung versammelt, als gegen 11 Uhr von der Kreisleitung angerufen und die von der Gauleitung angeordnete Räumungsstufe I für das Kreisgebiet bekanntgegeben wurde.1) Gemäß Räumungsplan war jetzt die Bevölkerung zu evakuieren bis auf die Kräfte, die auf Grund besonderer Verpflichtung zur Aufrechterhaltung der lebenswichtigen Einrichtungen, bei den Behörden, bei der Post und der Bahn bis zur Räumungsstufe II zurückzubleiben hatten. Die Besprechung beim Landrat wurde sofort abgebrochen, und wir begaben uns in unsere Ämter zur Durchführung der notwendigen Maßnahmen.

Die Bevölkerung wurde wie vorbereitet benachrichtigt und die Abfahrt der Trecks auf den Morgen des 19. Januar 1945 festgesetzt. Den Geschäften wurde Anweisung erteilt, die Vorräte frei zu verkaufen. Diese Anordnung mußte aber zurückgezogen werden, da die Bevölkerung sich zum Teil disziplinlos zeigte und Alkohol in erster Linie zu erstehen versuchte. Der Räumungsbefehl traf den größten Teil trotz der schon bestehenden Befürchtungen unerwartet. Es gelang jedoch, eine Panik zu vermeiden, da die Front noch ca. 80—100 km entfernt war. Die Polen verhielten sich ruhig. In der Nacht zum 19. Januar 1945 konnte eine erhebliche Anzahl der städtischen Bevölkerung mit der Eisenbahn nach dem Aufnahmekreis Berent evakuiert werden. Der Rest der städtischen Bevölkerung benutzte die von den Landgemeinden beorderten Fuhrwerke und am 19. Januar 1945 gestellte Sonderzüge, Autobusse und Lastkraftwagen, die teilweise wieder leer abfuhren, da die Bevölkerung2) bereits fort war. Der fahrplanmäßige Zugverkehr wickelte sich bis zum Abend des 20. Januar 1945 ab. Die Trecks sammelten sich an den bestimmten Sammelplätzen und waren bis zum Mittag des 19. Januar 1945 auf die vorher bestimmte und schriftlich festgelegte Marschroute gebracht. Es ergaben sich Schwierigkeiten, da durch die Einberufung zum Volkssturm nur sehr wenige Männer den Trecks beigegeben werden konnten und das polnische Personal sich bis auf wenige ver-


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borgen hielt. So mußten des Fahrens unkundige Frauen mit Kindern sich auf den Weg machen. Es herrschte ein schneidender Wind mit Schneetreiben und Glatteis. Die Stimmung war gedrückt. Wir hofften jedoch, daß die Weichsel genügend Schutz bieten würde, und glaubten an baldige Rückkehr. Niemand ahnte den Umfang der Katastrophe.

Von der polnischen und eingedeutschten Bevölkerung flüchteten nur wenige. Von diesen kehrte der größte Teil nach der Besetzung zurück. Die Polen aus den Städten begaben sich in die umliegenden Dörfer. Trecks und Truppenteile durchzogen den Kreis. Gerüchte schwirrten vom 19. Januar umher. Der Russe in Soldau, Lautenburg, große Verwüstungen. Niemand wußte, wo die Front war. Auch die Wehrmachtsstellen nicht. Am 19. Januar 1945 nachmittags wurde Räumungsstufe II ausgelöst. Die zurückgebliebenen Behörden und verpflichtete Personen auf den Weg gebracht. Es blieben der Landrat, Kreisleiter, die Bürgermeister und Amtskommissare, Polizei und Gendarmerie mit den nächsten Mitarbeitern zurück. Auch zu diesem Zeitpunkt und bis zur Besetzung habe ich keine Ausschreitungen der Polen erlebt und gehört.

Vf. läßt eine detaillierte Beschreibung folgen über die militärische Besetzung des Kreisgebiets durch russische Truppen am 20./21. Januar 1945.

Die mit der Bahn evakuierte Bevölkerung wurde in Berent gut untergebracht, aber Ende Januar 1945 weitertransportiert. Ein Teil geriet leider im März 1945 im Kreise Greifenberg in Pommern in russische Hände und erlebte dort die Greuel, denen sie im Januar entgangen waren. Die Trecks wurden beim Eintreffen im Kreise Berent sofort weitergeleitet und haben mit Ausnahme der Fuhrwerke, die unterwegs liegen blieben, rechtzeitig das heutige Bundesgebiet erreicht, so daß sich ca. 75—80 % der Neumarker deutschen Kreiseinwohner im Westen befinden.1) Die Viehtrecks sind nicht über die Kreisgrenzen gekommen.

So rechtzeitig die Räumung erfolgte und jedem Gelegenheit zur Flucht gegeben war, sind in der Heimat doch Tote bei der Besetzung zu beklagen, da sich ein paar Deutsche nicht zur Flucht entschließen konnten. Es waren Alte und solche Landsleute, die nicht an die den Russen voreilenden Greuelnachrichten glauben wollten oder sie für stark übertrieben hielten. Sie haben für diesen Irrtum Schweres erleben müssen.


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