Nr. 80: Einschiffung von Flüchtlingen in der Weichselmündung und vor Hela.

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Brief des Bauern Theodor Dirks aus Güttland, Kreis Danzig-Land i. Westpr.

Beglaubigte Abschrift, 7. April 1946. Teilabdruck.

Vf. beschäftigt sich zunächst mit dem Problem der „Unterwanderung” der deutschen Bevölkerung des Freistaats Danzig durch Polen seit 1919 und fährt dann fort:

In meinem letzten Brief hatte ich Erlebnisse von meiner Flucht aus Güttland in Deinen Heimatort Schmerblock geschildert. Ich glaube, es war am 13. April, als ich von Einlage mit einem kleinen Minensuchboot, welches mit ca. 500 Menschen beladen war, nachts 2 Uhr in Richtung Hela abgefahren bin. Ich hatte schon die dritte Nacht gewartet, zuerst in Schiewenhorst am Anlegefeuer, wo aber der Andrang so groß war, daß Männer zurückgewiesen wurden und nur Frauen und Kinder bevorzugt verladen wurden. Tagsüber lagen die Menschen dann im Walde in Löchern, manche schon acht Tage lang, so auch auf der anderen Seite bei Nickelswalde. In Schiewenhorst war eine Verpflegungsstelle eingerichtet worden. Außer der Dampffähre waren noch drei Motorfähren in Gang, die Wehrmachtsfahrzeuge über die Weichsel setzten. Die Straße lag von Schiewenhorst bis Bohnsack gepfropft voll. Tiefflieger hielten reiche Ernte mit Bomben und Bordwaffen, manch ein Wagen lag ausgebrannt zur Seite geworfen. Zu Hunderten sah ich Wagen an der


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Plehnendorfer Chaussee vom Damm geworfen. In Schiewenhorst waren damals erst wenig Häuser zerstört, in Einlage die Schleuseneinrichtung einige Male getroffen.

Das Warten, bis die Minensuchboote kamen, war nicht schön. Trotzdem war die Stimmung nicht schlecht, es gibt immer Menschen, die den Kopf nicht hängen lassen und die andern aufmuntern. Mädchen stimmten alle möglichen Lieder an, und wer mitkam, betrachtete es trotz allem Verlust und Leid als ein Glück, aus dem Kessel heraus zu sein, allerdings mit der einen Gefahr, noch auf hoher See angegriffen zu werden. So ist das Schiff „Gustloff„ vor Stolpmünde mit ca. 5 000 Menschen, Frauen und Kindern, untergegangen, und nur 500 sollen gerettet sein1). Ohne Zwischenfall landeten wir morgens 5 Uhr auf Hela2). Nachmittags ging es dann weiter, wieder mit einem Minensuchboot. Kurz vor Besteigen des Bootes hatten wir einen starken Tieffliegerangriff, viele Bomben fielen ins Wasser rund um den Verladesteg, es regnete noch eine Weile danach Wasser und Holzstücke. Dann schnell aufs Boot und zum großen Dampfer, bei dessen Besteigen noch ein Angriff, aber ohne Bomben. Die umliegenden Schiffe schossen stark Abwehrfeuer. Das Schiff hatte von einem früheren Treffer schon ein Loch, Handwerker waren an der Arbeit, es notdürftig auszubessern. Auf dem großen Walfischfänger war es alles andere als schön. Ca. 7 000 Menschen unter drei Decks inmitten schmieriger Maschinen.

Am Abend des 13. April muß sich der Koloß in Bewegung gesetzt haben, ein Schlepper half mit, da eine Maschine ausgefallen war. Ich habe während der Fahrt nicht die leiseste Bewegung gemerkt. Am nächsten Tage schoß dann noch einige Male die Bordabwehr, aber Bomben sind nicht gefallen, die Flieger kamen sehr hoch. An Bord gab es am Morgen etwas Kaffee und nach Eintragung in eine Liste zum Mittag einen halben Liter Roggenschlunz. Ich war damals noch gut von Hause aus versorgt. Am anderen Tage gegen Abend passierten wir die Kreideküste von Rügen, ein schöner Anblick, den ich noch nicht gesehen hatte. Das Schiff ging vor Saßnitz vor Anker. Hatte noch das Glück, mit einem Teil Wehrmacht ausgeladen zu werden, die anderen mußten bis zum anderen Tage warten. Das Schiff ist dann — es war dänisch — nach Dänemark gefahren. In einem Kino haben wir sitzend übernachtet.


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