Siedlungsgebiete.

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Ungarn in seinen Grenzen von 1937 — in der Literatur als Trianon-Ungarn, Rest- oder Rumpfungarn bekannt — umfaßte nach der amtlichen Volkszählung von 1930 eine Bevölkerung von 8 688 319 Seelen. Der am 4. Juni 1920 unterzeichnete Vertrag von Trianon hatte das alte Königreich Ungarn mit seinen Nebenländern Kroatien-Slawonien — die zusammengefaßt eine Bevölkerungszahl von 20 886 487 Menschen aufwiesen — durch radikale Gebietsbeschneidungen auf ein Kernland beschränkt, dessen Bewohner mit Ausnahme der kleinen deutschsprachigen Minderheit, die nur 6,9%, und einiger slawischer Splittergruppen, die zusammen mit den wenigen Rumänen 3,5% der Gesamtbevölkerung ausmachten, Madjaren waren1.


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Bei der staatlichen Neuordnung des Südostraums sollten vor allem die Ansprüche der von den Siegermächten unterstützten Nachfolgestaaten befriedigt werden. Es wurden daher auch die zahlreichen Gebiete mit Mischbevölkerung, die sich durch die außerordentlich starke Verzahnung der einzelnen Nationalitäten ergaben, von Ungarn abgetrennt und damit das verkleinerte Rumpfungarn von Randstaaten mit madjarischen Minderheiten umgeben.

Rücksicht auf deutsches Volkstum, das in größeren und kleineren Sprachinseln einen erheblichen Prozentsatz der Bevölkerung des alten Königreichs Ungarn ausgemacht hatte, wurde dabei nur in einem Fall, der Aufrollung der Burgenlandfrage, genommen. Ein Teil Westungarns fiel als neuer Verwaltungsbezirk Burgenland an Österreich; ein schmaler Streifen mit deutschen Mehrheitsgemeinden, vor allem die Hauptstadt der Landschaft, Ödenburg, verblieb bei Ungarn, da sich hier in einer erzwungenen und von den ungarischen Behörden vorbereiteten Abstimmung 65 % der Bevölkerung für das Verbleiben im alten Staat entschieden hatten1. Die übrigen Grenzziehungen beachteten deutsches Siedlungsgebiet nicht, und wenn z. B. die Siebenbürger Sachsen als geschlossene Gruppe dem rumänischen Staat zufielen, so verdankten sie dies nur der Tatsache, daß Siebenbürgen als rumänisches Siedlungsgebiet angesehen wurde. In anderen Fällen liefen die neuen Grenzen mitten durch Gebiete mit deutscher Mehrheit. Landschaften, die als zusammenhängendes deutsches Siedlungsgebiet angesehen werden mußten, wurden unter die Staatshoheit von zwei oder gar drei der neugeschaffenen Länder gestellt. Das Banater Deutschtum gehörte jetzt zu ungefähr zwei Dritteln zu Rumänien, der linke Uferstreifen der Theiß zu Jugoslawien und die nördlichen Ausläufer zu Ungarn. Die reiche Batschka, ebenfalls deutsches Siedlungsgebiet, fiel in der Masse an Jugoslawien, die nördlichen Bezirke blieben bei Ungarn. Auch von der Schwäbischen Türkei, die Ungarn in der Mehrheit erhalten blieb, wurde das Gebiet im Winkel zwischen der Donau und dem Unterlauf der Drau — das Baranyadreieck — abgetrennt und zu Jugoslawien geschlagen.

Es soll an dieser Stelle nicht untersucht werden, wie weit die neuen Grenzziehungen etwa vom Standpunkt historischer Überlieferung, geographischer Zusammengehörigkeit oder des Nationalitätsprinzips als berechtigt erschienen und ob sich günstigere Lösungen hätten finden lassen. Aus dem kurzen Überblick geht aber hervor, daß wie für die Madjaren, so auch für die „Schwaben”2 die Friedensschlüsse des ersten Weltkrieges eine staatliche Aufspaltung bedeuteten und daß Bezeichnungen wie „Banater Schwaben”


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oder „Batschka-Deutsche” nur als siedlungsgeographischer Begriff anzuwenden sind und die staatliche Aufteilung nicht berücksichtigen.

Da Ungarn durch die beiden Wiener Schiedssprüche von 1938 und 1940 sowie durch die Besetzung der Karpato-Ukraine im Frühjahr 1939 im Norden und Osten und 1941 nach der Besetzung Jugoslawiens auch im Süden weite Gebiete an sich ziehen konnte und da alle diese Annexionen mit dem Zusammenbruch 1944/45 wieder annulliert wurden, ist es notwendig, um Mißverständnisse zu vermeiden, in dieser Betrachtung vom Staatsgebiet Ungarns zu einem bestimmten Zeitpunkt als regionaler Einheit auszugehen. Die folgenden Ausführungen beziehen sich, soweit es nicht ausdrücklich anders vermerkt wird, ausschließlich auf das Ungarn in seinem Umfang von 1920—1937, d. h. in den im Vertrag von Trianon festgelegten Grenzen. Ausdrücke wie Batschka oder Westungarn bezeichnen damit auch immer nur den bei Restungarn verbliebenen Teil dieser Landschaften. Es darf jedoch nicht übersehen werden, daß die durch die Gebietserwerbungen zwischen 1938 und 1941 unter ungarische Herrschaft gekommenen deutschen Volksgruppen die politischen und militärischen Ereignisse des Zweiten Weltkrieges ganz oder größtenteils innerhalb des ungarischen Staatsverbandes erlebten.

Das ungarländische Deutschtum bewohnte als Ganzes nicht einen in sich geschlossenen Siedlungsbereich, sondern verteilte sich über den ganzen Süden und Westen des Staates in nicht genau abgegrenzten, aber doch in sich zusammenhängenden Gebieten verschiedener Größe und Struktur1. Es ist auch geschichtlich gesehen nicht einheitlich, sondern entstammt im wesentlichen zwei Siedlungsphasen: während das Deutschtum an der Westgrenze Ungarns schon im Zuge der großen Südostbewegung des bayrisch-österreichischen Stammes diese Siedlungsgebiete erreicht hatte und damit auf das 12. und 13. Jahrhundert, in den Anfängen vielleicht sogar auf die Karolingerzeit zurückgeht, läßt sich die deutsche Bevölkerung im übrigen Ungarn geschichtlich auf die große „Impopulation” und wirtschaftliche Entwicklung Ungarns nach der Befreiung von den Türken zurückführen. So sind die meisten deutschen Ansiedlungen im 18. Jahrhundert zwischen dem Frieden von Passarowitz (1718) und der Regierungszeit Josephs II. (1780—90) mit den Mitteln staatlich gelenkter, zum geringeren Teil grundherrschaftlicher Kolonisation entstanden.

Als größtes und geschlossenstes Siedlungsgebiet erstreckte sich in dem Winkel zwischen Donau und Drau, dicht an die Donau angelehnt und in einem Bogen um die Komitatstadt Fünfkirchen (Pécs) herum nach Norden und Westen auslaufend, die „Schwäbische Türkei", eine, wie der schon im 19. Jahrhundert gebräuchliche Name aussagt, durch ihren „schwäbischen” Charakter bestimmte Landschaft. Verwaltungstechnisch gesehen ge-


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hörte sie zu den Komitaten1 Baranya im Donau-Drau-Winkel, Tolna, das nördlich angrenzte, und Somogy, das das weite Tiefland im Westen bis zum Plattensee einschloß.

Ostwärts der Schwäbischen Türkei schloß sich am linken Donauufer das Komitat Bács-Bodrog mit der Restgruppe der bei Ungarn verbliebenen Batschkadeutschen an, die sich hauptsächlich in den beiden Bezirken Baja und Bácsalmás an der jugoslawischen Grenze zusammendrängten. Noch weiter nach Osten, entlang der rumänischen Grenze, fanden sich in dem Komitat Csanád-Arad-Torontál eine Reihe von Gemeinden mit deutschsprachiger Bevölkerung, die dem Banater Deutschtum zugehörten; sie wirkten im ungarischen Staatsverband wie eine Splittergruppe, da die Staatsgrenzen sie von ihren Landsleuten im jugoslawischen und rumänischen Banat abschnitten.

Eine zweite große deutschsprachige Gruppe hatte sich um Budapest angesiedelt; besonders die westlichen Vororte der Landeshauptstadt — Großgemeinden mit einem wohlhabenden Bauerntum — beherbergten eine fast rein deutsche Bevölkerung. Das Deutschtum bildete hier eine Sprachinsel, die sich besonders vom Süden und Westen her eng um die ungarische Hauptstadt herumlegte; verwaltungsmäßig gehörte sie zum Komitat Pest-Pilis-Solt-Kiskún. Im gleichen Komitat, das fast den gesamten Raum zwischen Donau und Theiß nördlich der Batschka einschloß, fanden sich noch einzelne deutsche Siedlungen, teils in rein madjarischer Umgebung wie Ceglédbercel oder donauaufwärts Harta, teils in unmittelbarer Nachbarschaft der Batschka, wie Hajos.

Von Budapest aus nach Norden in den Komitaten Nógrad, Hont und Esztergom (Gran) und nach Westen hin, im Schildgebirge und daran anschließend in dem nach Südwesten sich hinziehenden Bakonywald bis an das nördliche Ufer des Plattensees in den Komitaten Komárom, Fejér (Weißenburg) und Veszprém, dehnte sich eine weite deutsche Streusiedlung aus. Sie hatte wohl unmittelbaren Anschluß an das Budapester Deutschtum, unterschied sich aber dadurch von ihm, daß die einzelnen deutschen Gemeinden — häufig auch hier noch deutsche Mehrheitsgemeinden2 — keine geschlossene Sprachinsel mehr bildeten, sondern in größeren und kleineren Zusammenballungen weil über das Land verteilt und erheblich stärker als das Kerngebiet der „Schwäbischen Türkei” oder die westlichen Vororte Budapests mit madjarischen Siedlungsgruppen durchsetzt waren.

Deutlich abgesetzt von den deutschen Streusiedlungen nördlich des Plattensees zog sich entlang der ungarisch-österreichischen Grenze ein verhältnismäßig schmaler und häufig unterbrochener Streifen alten deutschen Siedlungsgebietes hin. Es war der Teil des westungarischen Deutschtums, der bei der Abtretung des Burgenlandes an Österreich im alten Staatsverband verblieben war. Diese einzelnen größeren oder kleineren Splitter-


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gruppen konnten also, genau wie das Banater oder Batschka-Deutschtum, nicht eigentlich als Streudeutschtum bezeichnet werden, sondern sie stellten einzelne Ausläufer des bayrisch-österreichischen Siedlungsraumes dar, von dem sie durch die Grenzziehung von 1919/21 getrennt worden waren. Die stärkste dieser Gruppen bildete das Deutschtum in der Komitatsstadt Ödenburg (Sopron) und ihrer näheren Umgebung, eines Gebietes, das wie eine Halbinsel nach Österreich hineinragt. Nach Süden schlossen sich noch einige Orte mit größerem oder kleinerem deutschen Bevölkerungsanteil an, so vor allem die Städte Güns (Köszeg) und Steinamanger (Szombathely) und mehrere Dörfer im Bezirk Szentgotthárd (Sankt Gotthard a. d. Raab) des Komitats Vas. Zum westungarischen Deutschtum sind auch noch einige deutsche Mehrheitsgemeinden im sog. „Heideboden” zu rechnen, der im Norden an die Donau angrenzte und im Osten sich bis zu den Städten Wieselburg (Moson) und Ung. Altenburg (Magyaróvár) ausdehnte.

Das im übrigen Ungarn verstreute Deutschtum hatte keine regionalen Schwerpunkte.