Bevölkerungszahl.

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Die Deutschen Ungarns bewohnten also einen weit ausgedehnten und nicht oder als Ganzes nur sehr locker zusammenhängenden Siedlungsraum. Dazu kommt, daß selbst die einzelnen Wohngebiete keine geschlossenen Einheiten bildeten, sondern oft mit Madjaren und kleinen slawischen Splittergruppen durchsetzt waren1 und daß nicht nur in der Streusiedlung, sondern auch in den deutschen Kerngebieten die sogenannte „Mehrheitsgemeinde” vorherrschte und in der Regel nicht die national homogene deutsche Gemeinde. Das Zusammenwachsen zu einer einheitlichen deutschen Volksgruppe ist zweifellos durch diese landschaftliche Streuung, die das Ergebnis der Siedlungsgeschichte ist, erschwert worden. Weit stärker als die regionale Aufteilung wirkte sich aber in dieser Richtung die jahrzehntelange intensive Madjarisierungspolitik aus. Sie höhlte den geschlossenen Kern der deutschsprachigen Minderheit aus und förderte die Bildung einer zahlenmäßig starken, wenn auch schwer zu erfassenden Zwischenschicht, die wohl ein schwaches Bewußtsein ihrer deutschen Abstammung behielt, auch noch Schwäbisch sprach, die sich aber nicht nur politisch wie auch kulturell zu Ungarn bekannte, sondern auf dem Wege war, volksmäßig im Madjarentum aufzugehen. Bei der Ermittlung der Zahl des ungarländischen Deutschtums mußte man daher zu erheblich voneinander abweichenden Ergebnissen kommen, je nachdem, welcher Maßstab für die Bestimmung von Volkstum und Nationalität zugrunde gelegt wurde.

Nach der amtlichen ungarischen Volkszählung vom Jahre 1941 umfaßte Restungarn 490 449 Personen deutscher Muttersprache = 5,2% der Gesamtbevölkerung. Der Anteil der Deutschsprachigen hatte sich allerdings in den letzten fünfzig Jahren trotz der natürlichen Zunahme der Gesamtbevölke-


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rungszahl kontinuierlich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt vermindert1 und war lediglich von 1930—41 annähernd konstant geblieben. Die Verringerung war indessen nicht in einem echten Bevölkerungsrückgang — etwa bedingt durch Geburtenrückgang oder Auswanderung2 — sondern in einer Umschreibung in der Sprachenspalte der Zählungsbogen begründet. Es wurde bei den Volkszählungen nämlich nach der Muttersprache des Einzelnen gefragt3, und zwar mit der erklärenden Definition, nach der Sprache, die der Befragte „als die Seinige einbekennt und am besten und am liebsten spricht”4. Damit wurde der Begriff der Muttersprache mit dem der Umgangssprache identifiziert und Volksdeutsche, die aus noch zu schildernden Gründen vornehmlich Madjarisch sprachen, auch als „Madjaren” gezählt, eine Tatsache, die in wachsendem Maße ins Gewicht fiel.

Die Volkszählungsergebnisse zeigen, daß sich die Position des Deutschtums in den einzelnen Teilen des Siedlungsgebietes in verschiedenem Grade verschlechtert hat. So verringerte sich z. B. die Gesamtzahl der Mehrheits-


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gemeinden fast gleichmäßig, aber für die einzelnen Komitate ergaben sich doch erhebliche Unterschiede. Während nämlich die Mehrheitsgemeinden in Komitaten mit relativ geschlossenem deutschen Siedlungsgebiet und mit größtenteils bäuerlicher Bevölkerung — also besonders in der Baranya, aber auch in Sopron (Ödenburg) und Tolna — erhalten blieben oder nur geringfügige Einbuße erlitten, wiesen die Komitate mit deutscher Streusiedlung — Veszprém, Esztergom (Gran) — oder mit städtischer Industriebevölkerung, wie das rund um Budapest gelagerte Pest-Pilis-Solt-Kiskún1, ganz erhebliche Verluste auf2. Ebenso waren die Randbezirke der deutschen Siedlungsgebiete stärker dem madjarischen Druck ausgesetzt als die Ortschaften innerhalb der vom „schwäbischen” Volkstum bestimmten Landschaften3.

Noch sichtbarer als in den ländlichen Gebieten wird die Bevölkerungsumschichtung in den Städten. Hier spielte neben der weit schnelleren und radikaleren Assimilierung auch die Unterwanderung durch die Madjaren eine wesentliche Rolle. Das wohl eindrucksvollste Beispiel für die madjarische Unterwanderung einer ursprünglich deutschen oder zum mindesten deutschbestimmten Stadt stellt Ödenburg (Sopron) dar, das noch im alten deutschen Siedlungsraum an der westungarischen Grenze lag. Bis 1920 hielt sich dort die deutschsprechende Einwohnerschaft absolut in fast gleicher Stärke,


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im Verhältnis zur schnell anwachsenden madjarischen Bevölkerung sank ihr Anteil dagegen von 73,7% im Jahre 1880 auf 48,0% im Jahre 1920 ab1.

Entscheidend für diese ins Auge fallende Verminderung der deutschen Stadtbevölkerung in Ungarn war aber im ganzen gesehen nicht so sehr die Unterwanderung als vielmehr der starke Sog des Madjarentums, der sich in der Stadt weit intensiver auswirkte als in den dörflichen Gemeinden und zu einer ständig weitergreifenden Assimilierung führte. In keiner ungarischen Stadt ist das deutschsprachige Element nach den Daten der einzelnen Volkszählungen trotz wachsender Bevölkerungszahl prozentual mitangestiegen. In Budapest sank sogar die Zahl der Deutschen in zehn Jahren von 60503 auf 38 460, in Raab von 1389 auf 80l2. Da auf der anderen Seite das Ver-


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hältnis zwischen Madjarisch- und Deutschsprechenden in den Landgemeinden im großen gesehen konstanter blieb, inmitten dichterer deutscher Siedlungsgebiete sich sogar eine für das Deutschtum günstige Tendenz zeigte1, hielt sich der Verlust auf ganz Ungarn berechnet noch in mäßigen Grenzen. Immerhin betrug er in dem einen Jahrzehnt von 1920—1930 13,2 %, eine Zahl, die die Intensität des Madjarisierungsprozesses durchaus erkennen läßt. Das Gefährliche war die Stetigkeit des Vorganges über Jahrzehnte hin; dabei brauchte es nicht zu großen Siegen und ausgesprochenen Augenblickserfolgen zu kommen, es sei denn, die Zählungsergebnisse wurden von den übereifrigen Zählern frisiert, um eine madjarische Mehrheit vorzutäuschen2. Derartige Unkorrektheiten bei der Durchführung der Befragung waren nicht selten und sie veranlaßten nicht-madjarische Kreise in Ungarn, schon


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für die Zählung von 1920 eine zusätzliche Auswertung der amtlichen Sprachkenntniserhebung durchzuführen. Von ihr wurden alle Ungarn erfaßt, die neben Madjarisch noch andere Sprachen — Deutsch, Kroatisch, Slowakisch, Serbisch — beherrschten und aus diesem Grunde dem entsprechenden Volkstum als ursprünglich zugehörig betrachtet wurden. Im großen und ganzen war dieses Vorgehen bei den einzelnen slawischen Minderheiten gerechtfertigt, bei der deutschen allerdings nur mit Einschränkung, da auf Grund der früheren engen Verbindung mit Österreich nicht wenige echte Madjaren, besonders der höheren Schichten, auch Deutsch sprachen. Außerdem gab ein großer Prozentsatz der 600 000 Juden in Ungarn Madjarisch und nicht das ihnen ebenso geläufige Deutsch als Muttersprache an. Bleiben die Ergebnisse der amtlichen Volkszählung auch weit hinter den wirklichen Verhältnissen1 zurück, so würde es daher doch entschieden zu hoch gegriffen sein, wenn man die durch die Sprachenkenntniserhebung gewonnene Zahl von 1398729 Deutschsprechenden (551211 Deutschsprechende + 808029 neben Madjarisch- auch Deutschsprechende2) für das Deutschtum in Anspruch nehmen wollte.

Eigene Erhebungen der deutschen Volksgruppe ergaben für 1930 eine Zahl von 648 5463, Aufstellungen der Volksgruppenführung auf Grund der


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Volkszählung von 1941 nannten die Zahl von weit über 800000 Deutschen1 in Ungarn.

Demgegenüber hielt die ungarische Regierung die amtlichen Zahlen für die deutsche Bevölkerung ihres Staates so niedrig wie nur möglich und schreckte dabei vor ungesetzlichen Manipulationen2 nicht zurück, wie aus den Beschwerden und Beanstandungen der Minderheiten, nicht nur der deutschen, hervorgeht. Andererseits ist aber auch nicht zu verkennen, daß ein zahlenmäßig nicht genau bestimmbarer Teil der deutschen Bevölkerung an der Zurechnung zum Deutschtum nicht interessiert war und die Zugehörigkeit zur deutschen Minderheit ablehnte, seitdem sich diese politisch zu organisieren begann. Zu ihm gehörten einmal die deutschsprechenden Juden3, darüber hinaus alle diejenigen, die aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen eine Identifizierung mit der damaligen deutschen Volksgruppenpolitik zu vermeiden suchten. Bei der amtlichen Volkszählung 1941 bekannten sich 490449 Personen zur deutschen Muttersprache, dagegen etwa 300000 zur deutschen Nationalität4. Allerdings ist die Frage nach der „Nationalität”, die 1941 zum ersten und einzigen Male gestellt wurde und neben dem objektiven Merkmal der Sprache das subjektive Bekenntnis zu ermitteln suchte, von einem großen Teil der Volksdeutschen offensichtlich nicht erfaßt worden, da besonders für den bäuerlichen Volksdeutschen die Begriffe Nationalität und Staatszugehörigkeit zusammenfielen und diese irrige Annahme noch von der madjarischen Propaganda bestärkt wurde5.

Wägt man alle Faktoren gegeneinander ab, so kommt man zu dem Ergebnis, daß für die Jahre 1937—45 Schätzungen von 500000 bis 600000


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Volksdeutschen in Ungarn eher zu niedrig als zu hoch gegriffen sind1. Allerdings muß man dabei berücksichtigen, daß diese Schätzungen, ohne auf die subjektive Entscheidung des Einzelnen einzugehen, die Summe aller derjenigen erfassen, die ihrem Herkommen und ihrer Sprache nach, also nach objektiven Merkmalen, als Deutsche anzusprechen waren.