Soziale und konfessionelle Struktur des ungarländischen Deutschtums.

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Im 18. Jahrhundert waren die deutschen Siedler zunächst durch die feudalen Grundherren und die Kirche, dann in späteren Jahren im Zuge der „Kameral-Kolonisierung” durch Maria Theresia und ihren Sohn Joseph II. als Bauern ins Land gerufen und zur Kultivierung der während der langen Türkenherrschaft verödeten und von Menschen entblößten Landstriche angesetzt worden. Sie sind diesem Beruf in den meisten Fällen treu geblieben; Klein- und Mittelbauern bildeten die Mehrzahl der ungarländischen Deutschen2. Während das alte Königreich Ungarn in Siebenbürgen und der Batschka ein wohlhabendes deutsches Großbauerntum aufgewiesen hatte, gab es in Rumpfungarn nur in einzelnen Gebieten, wie z. B. in der Restbatschka, größere Bauernhöfe3. In den dörflichen Siedlungen und Land-


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Städten bildete sich daneben auch ein bäuerliches Handwerk, z. B. Tischler, Maurer, Schmiede, Schuhmacher. Deutsche Handwerker, beispielsweise Friseure, aber auch Kaufleute machten sich außerdem in den größeren Städten, in erster Linie in Budapest, seßhaft. Weiter schuf die Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert Möglichkeiten, den ländlichen Bevölkerungsüberschuß aufzunehmen; es war dabei besonders günstig, daß sich das Hauptindustriegebiet im Raume deutscher Siedlungen, z. B. der Großgemeinden mit erheblicher deutscher Mehrheit rund um Budapest, entwickelte. So entstand ein volksdeutsches Arbeitertum. Im Gegensatz dazu war der Anteil der Deutschen am Großgrundbesitz, Großhandel und an der Großindustrie, am Beamtentum des höheren Dienstes bemerkenswert gering, er lag jedenfalls statistisch erheblich unter dem Landesdurchschnitt. Die deutsche Bevölkerung scheint also nicht im gleichen Maße wie die madjarische an allen Schichten und Ständen beteiligt, sondern überwiegend auf die Schichten des Arbeiters und Bauern bis zum Handwerker und Kaufmann beschränkt gewesen zu sein.

Doch trügen die statistischen Angaben, aus denen dieser Eindruck zu gewinnen ist, in mancher Hinsicht. Das betrifft sicher nicht den Großgrundbesitz, der tatsächlich so gut wie ausschließlich im Besitz des ungarischen Adels war. In den übrigen gehobenen Ständen und Berufen jedoch war der Anteil des ungarländischen Deutschtums viel stärker als die Sprachenstatistik es erscheinen läßt; das gilt besonders für die Lehrberufe, für Kunst und Wissenschaft, für Klerus, Verwaltung und Politik. Nur müssen alle deutschstämmigen Angehörigen dieser Intelligenzschicht in der Regel zu den Assimilierungswilligen gerechnet werden, d. h. sie gaben bei den Volkszählungen nicht Deutsch, sondern Madjarisch als Muttersprache an und wurden damit statistisch als Madjaren erfaßt1. Wollte man also die soziale Struktur des ungarländischen Deutschtums in einer geometrischen Figur darstellen, so bestand diese in Wahrheit und im Gegensatz zu dem offiziellen statistischen Diagramm nicht in einer abgeschnittenen, sondern in einer vollen Pyramide. Die Spitze dieser Pyramide erschien in dem Ergebnis der amtlichen Volkszählungen aber als madjarisch, da die Sprachenstatistik vornehmlich die gehobene oder sich emporarbeitende Schicht für das Madjarentum reklamierte. Das Madjarische galt schlechthin als die Sprache der Gebildeten, als die staatliche Hochsprache, deren Beherrschung für den sozialen Aufstieg unumgänglich notwendig war. Jeder, der aus der unmittelbaren bäuerlichen Umgebung herauswuchs, übernahm es wie selbstverständlich als Umgangssprache, während der Gebrauch des „Schwäbischen” auf die familiäre oder engnachbarliche Sphäre beschränkt blieb2,


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wenn man nicht überhaupt ganz darauf verzichtete. Besonders in den Städten war die sprachliche Umstellung selbstverständlich, denn nicht nur alle Beamten, sondern auch die freien Berufe — Ärzte, Rechtsanwälte, Kaufleute, Gewerbetreibende in nicht-deutscher Umgebung — vervollkommneten sich im eigenen Interesse in der Staatssprache1 und sahen darauf, daß auch ihren Kindern aus der mangelnden Beherrschung des Madjarischen kein Hindernis für eine künftige Berufswahl erwuchs. Diese Schicht gab ganz bewußt Madjarisch als Umgangssprache an, nicht zuletzt, um damit zu dokumentieren, daß sie der bäuerlichen Herkunft entwachsen war2. Ebenso brachte die Namensmadjarisierung den Einzelnen selten in Gewissenskonflikte, wenn auch hierbei Traditions- und Familiensinn oftmals hemmend gewirkt haben mögen3.

Ein zweiter Grund für die fortlaufende Assimilierung des ungarländischen Deutschtums durch die Staatsnation lag darin, daß ihm die Voraussetzungen dafür fehlten, sich vom Madjarentum als kulturelle oder religiöse Sondergruppe bewußt abzusetzen. Ganz im Gegensatz zu den sich ihrer großen historischen Vergangenheit und ihres Volksgruppencharakters wohl bewußten Siebenbürger Sachsen, die mit dem Vertrag von Trianon der rumänischen Staatshoheit unterstellt wurden, bildeten die Schwaben in Restungarn tatsächlich nur eine sprachliche Gemeinschaft, deren Kulturgut sich auf Trachten, Volksbräuche und Volkslieder und eben die schwere bäuerliche Sprache beschränkte, die einem Vergleich mit dem Hochmadjarischen nicht standhielt. Die eigene geschichtliche Überlieferung erwies sich gegenüber der Anziehungskraft des geschichtlich und kulturell selbstbewußten Madjarentums als nicht stark genug. Alte Bindungen politischer oder kultureller Art zum Deutschen Reich gab es so gut wie gar nicht. Das Verhältnis zu Österreich, zu dem bis 1918 die keineswegs zu unterschätzende dynastische Verbindung des gemeinsamen Herrscherhauses bestanden hatte, litt anfangs unter den Nachwirkungen der Abstimmungskämpfe im Burgenland, später unter den außenpolitischen Rücksichten, die Wien auf Ungarn zu nehmen hatte und die ihm jede Beschützerrolle für das Deutschtum in Ungarn verboten.

Auch die Konfessionszugehörigkeit verband eher das ungarländische Deutschtum mit dem madjarischen Staatsvolk, als daß sie es von ihm


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trennte, da das katholische Element bei beiden ganz erheblich überwog1. Es ergaben sich daher auf Grund der konfessionellen Gliederung im allgemeinen keine Differenzen, im Gegenteil, die alle nationalen Gruppen vereinigende Kirche konnte Spannungsmomente und Gegensätze der Nationalitäten ausgleichen.

Sicherlich vollzog sich dieser Ausgleich im wesentlichen zugunsten des Staatsvolkes, wenn auch die katholische Kirche in Ungarn keineswegs den Assimilierungsbestrebungen des Madjarentums bewußt Vorschub geleistet hat. Sie hat vielmehr durch Erhaltung von Konfessionsschulen, in denen grundsätzlich in der Muttersprache der Schüler unterrichtet wurde, wesentlich dazu beigetragen, daß das schwäbische Deutsch in den dörflichen Gemeinden nicht ausstarb. Außerdem waren bekannte schwäbische Volkstumsführer wie Ladislaus Pintér oder auch der Jesuitenschüler Jakob Bleyer der Kirche eng verbunden. Aber als eine das ungarländische Deutschtum gegen die Madjarisierungstendenzen sammelnde und führende Kraft wie in anderen Ländern konnte die katholische Kirche, schon wegen ihrer engen Verbindung zum ungarischen Staat, nicht angesehen werden. Gegen den Assimilierungsvorgang der aufstrebenden Schicht und der städtischen Bevölkerung hat sie kein Gegengewicht gebildet. Auf einem anderen Blatte steht es, daß sie sich Ende der dreißiger Jahre ganz betont gegen die nationalistische Überspitzung des Volkstumskampfes, wie sie unter dem Einfluß des reichsdeutschen Nationalsozialismus zustande kam, gewandt hat.