Protokollarische Aussage des D. T. aus Mekényes, Bezirk Hegyhát im Komitat Baranya.
Original. 22. Mai 1954, 5 Seiten, maschinenschriftlich (mschr.).
Anfang Juni des Jahres 1941 erhielt ich von der Kreisleitung des „Volksbundes der Deutschen in Ungarn” (VDU)1 eine nicht mit den amtlichen Zeichen des VDU gezeichnete Einladung zu dem Zwecke, mich am kommenden Sonntag (es dürfte der zweite Sonntag im Juni gewesen sein) in der Gemeinde Mágocs einzufinden, um mich auf meine sportliche Leistungsfähigkeit hin ärztlich untersuchen zu lassen. Es hieß, daß sich nur Führer und zuverlässige Angehörige der deutschen Jugendorganisation dieser Untersuchung unterziehen sollten. Bei der Mitteilung wurde sogar gesagt, daß es sich bei dieser Sache um eine ganz besondere Auszeichnung handelt2.
Im Heim der Ortsgruppe des Volksbundes zu Mágocs wurden wir ärztlich untersucht. Die Untersuchung wurde von uns unbekannten Ärzten in Zivil vorgenommen. Sie erinnerte an die üblichen Untersuchungen bei Assentierungen3. Der Untersuchung lief die übliche Bestandsaufnahme der wichtigsten Personalien parallel. Politische Fragen wurden dabei nicht geäußert. Nach Abschluß der Untersuchung wurde uns weder über deren Zweck und Ziel etwas gesagt, noch wurde uns das Ergebnis der Tauglichkeit oder Uutauglichkeit bekanntgegeben. —
Am 6. Juli 1941 erhielt ich eine mündliche Nachricht, daß ich mich — mit den anderen Tauglichen zusammen — am 9. Juli im Deutschen Haus zu Budapest melden möge. Die Reisekosten wurden vorläufig von uns ausgelegt, wurden uns aber dann in Budapest zurückerstattet. Aus dem Dorfe Mekényes4 gingen H. K. und ich auf Grund dieser Einladung nach Budapest.
In Budapest trafen etwa 60 Mann im Deutschen Haus zu dem genannten Termin ein. Es wurde uns dort mitgeteilt, daß wir das Deutsche Haus nicht verlassen und uns in der Stadt nicht zeigen mögen. Mittlerweile sprach sich unter uns herum, wir sollten illegal nach Deutschland kommen, eine sportliche Ausbildung mitmachen, um dann in der Jugendarbeit intensiver mitmachen zu können. So gegen Abend wurden wir — ohne etwas über das Reiseziel zu wissen — auf Lastkraftwagen der Waffen-SS verladen und über die Grenze gebracht. Wir kamen am 10. Juli in Wien in das sogenannte
„Arsenal” und wurden in einen der Kasernenblocks eingeteilt. Wir wurden einem Hauptmann der Wehrmacht unterstellt, bekamen Wehrmachtsverpflegung und warteten voll Spannung, wie es nun weitergehen würde. Zur Abwechslung bekamen wir das ABC des Luftschutzdienstes vermittelt. — Auch wurden uns Stadtbesichtigungen gestattet, jedoch nur geschlossen und unter Führung von Offizieren. —
Im Laufe der nächsten Tage wurden wir auf das SS-Hauptamt Wien befohlen, wo sich bereits unsere Personalien befanden. Wir wurden anschließend einer weiteren ärztlichen Untersuchung unterzogen, wobei ich mit meinen eigenen Personalakten in Schwierigkeiten kam — da einige Dinge fehlten — (vielleicht fehlten auch alle meine Unterlagen), so wurde ich noch einmal ganz gründlich untersucht und einer neuen Personalaufnahme unterworfen. Über Ziel und Zweck der sogenannten „Sport-Aktion” wurde auch hier kein Wort verloren. Ob unser Transportführer darüber Bescheid wußte, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Auch darf noch gesagt werden, daß sich während des Aufenthaltes im Deutschen Haus zu Budapest kein offizieller Vertreter der Volksgruppenführung zeigte. Lediglich einige Studenten haben sich mit uns beschäftigt und mitunter einige Andeutungen über unsere Sport-Aktion gemacht. —
Vom Hauptamt wurden wir wieder ins Arsenal entlassen und mußten wieder warten. Nach etwa einer Woche Aufenthalt erhielten wir einen Marschbefehl bzw. eine Anweisung, geschlossen zum Nordbahnhof Wien zu gehen. In einem normalen Personenzug ging es nun über Gänsendorf nach Brunn. Am Bahnhof Brunn erwarteten uns Mannschaftsdienstgrade der Waffen-SS und führten uns in das Lager der Waffen-SS am Kuhberg. Wir wurden an der Wache vorbei in das riesige Lager geführt und gewannen zum erstenmal den Eindruck, daß wir unseren „sportlichen Unterricht” wahrscheinlich in diesem Lager empfangen würden. Viele von uns waren bisher kaum über die Kirchturmsweite ihres volksdeutschen Bauerndörfchens gekommen. Durch das lange Warten und Verharren im Ungewissen wurden wir in den letzten Tagen etwas mürbe und unruhig. Es ist verständlich, daß der Eindruck des SS-Lagers am Kuhberg zunächst sehr bedrückend war. —
Wir wurden in eine Baracke eingeteilt, wo wir von einigen Landsleuten aus der Tolnau (Szárazd) dahingehend informiert wurden, daß wir uns als „Soldaten der Waffen-SS” zu fühlen hätten. Ihnen sei es ebenso ergangen. Diese Vermutung wurde uns bald durch die Unterführer der Waffen-SS bestätigt, die uns wie Rekruten behandelten. Wir versuchten dann, diesen Herren klar zu machen, daß wir zur sportlichen Sonderausbildung für einige Wochen nach Deutschland gekommen seien und daß es sich um einen Irrtum handeln müsse, wenn wir in dieses Lager gekommen seien. Wir forderten von den höheren Offizieren die Klärung dieses Falles. Zunächst stellte man sich unwissend. Keiner der zuständigen SS-Führer wollte über das Wie und das Warum unseres Hierseins etwas wissen, sie zogen aus dieser Tatsache jedoch nicht etwa die Konsequenz, uns zu entlassen, sondern ließen uns weiter in Zivil und im Unklaren über unser weiteres Schicksal. Wier blieben also weiter in Zivil (etwa 3—4 Wochen), mußten aber schon an der gewöhnlichen Rekrutenausbildung teilnehmen (Ordnungsdienst etc.). In der Zeit wurden wohl Informationen über Sinn und Zweck unseres Aufenthaltes und angeblich auch der Rat der Volksgruppenführung der Deutschen
aus Ungarn eingeholt. Angeblich erschien auch ein Abgesandter der Volksgruppenführung, jedoch kann ich dies nicht behaupten. Alles hat wohl auf einen solchen Vertreter der Volksgruppenführung gewartet, aber außer dem Gerücht, es sei einer dagewesen, haben wir keine Kenntnis von einem solchen Vertreter erhalten. Von unserem Kompagnie-Chef wurde uns eines Tages mitgeteilt, daß diejenigen von uns, die nicht hier bleiben wollten, sich für einen Transport in die Heimat registrieren lassen sollten. Wir hatten dabei den Eindruck, als ob man mit diesem Akt nur die „Willigen” und die „Feigen” unterscheiden wolle und daß diese Nachricht nicht ganz ernst genommen werden könne. Viele von uns, die als Bauernsöhne nur sehr schwer für einige Wochen abkommen konnten — mit der Bedingung, daß sie zur Ernte wieder daheim sein könnten — wurden durch dieses wochenlange Manöver mit uns recht aufgebracht und ungehalten. Sie verlangten Aufklärung über das Ganze. Nach vier Wochen wurden wir eingekleidet — wobei es zu den ersten Szenen kam — denn viele von uns lehnten die Annahme von Uniformen ab. Es bildeten sich so allmählich zwei Gruppen heraus. Die einen brachen unter der zermürbenden Unklarheit zusammen und betrachteten die ganze „Aktion” als eine grobe Bauernfängerei. Die anderen aber, die schon zu Hause zu den Getreuen der volksdeutschen Jugendbewegung gehört hatten, ertrugen auch diese ganze Überraschung mit dem Bewußtsein, die deutsche Sache nicht zu blamieren, obwohl auch ihnen der Vorwand, unter dem man sie herausgelockt hatte, sehr zu schaffen machte1. Es war nicht so sehr die harte Tatsache, nun zur Waffen-SS zu gehören und in den Krieg zu ziehen, als vielmehr das Gefühl, von der eigenen Volksgruppenführung herausgeschwindelt zu sein. Diese Getreuen mußten nun dort vermitteln und an Haltung appellieren, wo sie selbst in ihrem Innersten schwer getroffen waren.
Die Unterführer und Führer der Waffen-SS konnten die Empfindungen der so unfair aus ihrem Dorf herausgelockten Bauernsöhne nicht gut verstehen. Sie ließen es daher auf die üblichen Schikanen ankommen, um diese Widerspenstigen klein zu kriegen. Wir volksdeutschen Bauernsöhne fühlten uns zu Unrecht hintergangen und auf Umwegen der Waffen-SS überantwortet.
Die Führer und Unterführer der Waffen-SS aber sahen in unserer Haltung Verrat und mangelhafte Bereitschaft zum Dienst. Es gab aber auch einige Offiziere, die sich ehrlich bemühten, diese unsere Situation zu verstehen und eine echte Klärung herbeizuführen. Sie haben uns kameradschaftlich ausgefragt, wie es zu dieser ganzen „Sport-Aktion” gekommen sei, und beteuert, daß sie daran keinerlei Anteil hätten.
Wir wurden nun regelrecht ausgebildet und sollten am 11. August 1941 vereidigt werden. Die Hälfte etwa, die mit dem ganzen Problem innerlich nicht fertig werden konnte, wollte sich nicht vereidigen lassen und meuterte weiterhin. Diese wurden dann herausgezogen und zu einer besonderen Gruppe vereinigt. Ich und meine übrigen Kameraden aber wurden am 11. August vereidigt. Während wir im Rahmen der Vereidigungsfeier Ausgang erhielten und nun schon als „Männer” behandelt und als gleichwertig aufgenommen worden waren, hatten die „Feigen” Ausgangssperre. Das Verhältnis der beiden Gruppen wurde kühl, denn bei uns siegte schließlich doch jene bescheidene und stille Treue, die den Volksdeutschen kennzeichnet. Die Ausbildung ging nachher weiter. Die „Nichtwilligen” getrennt, während wir mit vielen anderen volksdeutschen Kameraden zu Ersatzkompagnien aufgestellt wurden. Am 28. August 1941 war die Ausbildung beendet. Wir kamen nach Stettin. Die „Nichtwilligen” aber wurden nach einigen Wochen harter Ausbildung nach Ungarn zurückgeschickt.