Nr. 13: Die Evakuierung der deutschen Bevölkerung von Buşteni mit einem Transport des abrückenden „Deutschen Eisenbahtransportkommandos für den Südosten”.

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Erlebnisbericht des Ingenieurs R. N. aus B u s t e n i, Plasa Sinaia, Judeţ Prahova in der Großen Walachei.

Original, 15. April 1956, 8 Seiten, mschr.

Der Vf. versucht zunächst, einen Eindruck von der allgemeinen Lage zu Anfang August 1944 zu geben, und berichtet dabei, daß in Buşteni das „Deutsche Eisenbahntransportkommando für den Südosten” wie auch die-


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Eisenbahn-Abteilung des rumänischen Generalstabes stationiert gewesen seien1; das Verhältnis der beiden Stäbe sei dienstlich und persönlich ausgezeichnet geivesen.

Am 23. August legten wir uns ausnahmsweise bereits um 21 Uhr zu Bett. Knapp eine halbe Stunde drauf klopft es wie irrsinnig an unsere Wohnungstür. Da meine Werkwohnung auf dem Fabrikshofe liegt, nehme ich an, daß es sich um eine Betriebsstörung handelt, wegen der ich aus den Federn geholt werde. Ich bin deshalb beim Öffnen der Tür erstaunt, statt des vermuteten Arbeiters Herrn J. zu treffen, einen ebenfalls aus Bukarest evakuierten Volksdeutschen, der im 1. Stock des Hauses wohnt.

Es fällt mir gleich auf, daß er vollkommen verstört und „durchgedreht” ist. Doch bevor ich noch fragen kann, ruft er: „Alles sofort heraus! Die Rumänen haben Frieden geschlossen; der König hat soeben im Rundfunk gesprochen. Alle Feindseligkeiten seien sofort einzustellen. Wer sich widersetzt wird sofort erschossen! Wir müssen sofort weg!'' Es dauert natürlich eine Weile, bis ich begreife, was los ist. Aber dann wird mir klar, daß da eine ganz große Schweinerei geschehen war und nun tatsächlich irgendwie gehandelt werden müsse. Ich bitte deshalb Herrn J., bei meiner Frau und Frau Sch. zu bleiben, die aus dem ersten Stock ebenfalls zu uns heruntergekommen war, ziehe mich blitzschnell an und gehe — um nicht aufzufallen — gemächlichen Schrittes über den Fabrikhof und durch die Pforte. Kaum habe ich aber die Pforte hinter mir, geht es bei stockfinsterer Nacht in rasender Eile, auf Nebenwegen und über Stock und Stein zu Freund Sch., dem Ortsgruppenleiter, der durch den Rundfunk bereits im Bilde ist. Wir holen aus der Nachbarwohnung noch Freund R. herbei und halten Kriegsrat. Denn guter, wirklich guter Rat ist ja in diesem Augenblicke teuer.

Da gar nicht zu übersehen ist, wie die rumänische Bevölkerung und vor allem Militär und Polizei des Ortes auf diese Hiobsbotschaft reagieren werden, ist uns klar, daß wir vor allem mit der deutschen Transportkommandantur Fühlung nehmen müssen, die allein in der Lage sein könnte, gegebenenfalls die Angehörigen unserer kleinen Ortsgruppe halbwegs unter ihre Fittiche zu nehmen. Telefonisch ist von den Offizieren niemand erreichbar; es heißt, daß sie eine Lagebesprechung in ihren Diensträumen in der deutschen Schule hätten. Da wir also im Augenblick nichts unternehmen können, machen wir drei aus, daß wir uns nach Möglichkeit gegenseitig verständigen sollten, wenn was los sei, und gehen hierauf auseinander. Auf den Straßen ist alles ruhig.

Gegen Mitternacht werde ich aus dem Bett geholt, um zu einer Besprechung in die deutsche Schule zu kommen. Sch. und R. sind ebenfalls schon da. Oberstlt. Schade erklärt, die Lage sei vollkommen undurchsichtig; die Verbindungen zu seinen Dienststellen seien fast alle unterbrochen; Bukarest derzeit in keiner Weise erreichbar. Wir sollten aber beruhigt sein:


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wenn er mit seiner Einheit wegmüsse, würde er alle Deutscheu des Orte» mitnehmen.

Am nächsten Morgen wurde der innerhalb der Ortsgruppe bereits bestehende Bereitschaftsdienst verstärkt. Es wurde bekanntgegeben, daß im Falle eines Falles ein kleines Handgepäck und Lebensmittel bereitgehalten werden sollten. Außerdem sicherheitshalber noch ein größeres Gepäck, sofern ein solches noch mitgenommen werden konnte. Wir wußten ja noch nicht, in welcher Weise wir Buşteni verlassen würden. Der Tag verlief sonst ruhig, wenn auch sehr gespannt. Am 25. 8. wird uns mitgeteilt, daß Oberstlt. Schade einen Transportzug von der rumänischen Generalstabseinheit angefordert habe. Die Gestellung sei ihm zugesagt worden, und zwar außer den Waggons für die deutsche Einheit zusätzlich 15 bis 20 geschlossene Güterwagen für den Abtransport der Volksdeutschen1.


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Die Lage an diesem Tage wurde immer ernster; die Meldungen und Nachrichten aus Ostrumänien über den Vormarsch der Russen immer widersprechender. In Bukarest schien es heiß herzugehen. Unkontrollierbaren Nachrichten zufolge soll die Stadt von deutschen Stukas angegriffen worden sein. Man hoffte auf eine schnelle Niederschlagung des Putsches. Dieser Optimismus bemächtigte sich auch unser, und wir hofften, daß doch bald alles ins Lot käme und wir nicht zu flüchten brauchten.

Doch es kam anders. Etwa um 14 Uhr wurde durchgegeben, daß wir vermutlich in den Abendstunden abfahren würden. Um 16 Uhr hatten wir in der Fabrik an einer Antriebsmaschine eine schwere Betriebsstörung. Ich war gerade dabei, die Maschine zu untersuchen, als Freund Sch., Ortsgruppenleiter und Leiter der Fabrikskraftanlage, mich unauffällig beseite nahm und mir zuflüsterte: „Sofort fertigmachen! Wir türmen!” Ich gab meinen Leuten Anweisungen für die Durchführung der Reparaturarbeiten und haute nach Hause ab; denn innerhalb einer halben Stunde sollte alles am Bahnhof sein.

Natürlich wußte ganz Buşteni die Nachricht von unserer Abfahrt im Nu! Die Gefühlsskala der rumänischen Bevölkerung wechselte vom zynischen Triumph über gleichgültige Gelassenheit bis hin zur Bestürzung und ehrlicher Trauer. Und es zeugte für die Beliebtheit der Volksdeutschen im allgemeinen und der Volksdeutschen Fabriksinhaber im besonderen, daß unsere beabsichtigte Abfahrt von dem weitaus größten Teil der Bevölkerung mit aufrichtigem Bedauern vermerkt wurde.

Natürlich waren im Handumdrehen die wildesten Gerüchte im Umlauf: auf jeden, der das Haus verließ, würde scharf geschossen werden; vor dem Gemeindeamt seien Barrikaden aufgebaut, die mit MG besetzt seien; das Bahnhofsgelände sei vollkommen abgeriegelt usw. Trotz: wir bereiteten unser Gepäck vor, das von einem Fabriks-Streifwagen zum Bahnhof gebracht werden sollte. Als allmählich durchsickerte, daß für uns Zivilpersonen, etwa 380 an der Zahl1 (inzwischen hatten sich noch einige Volks-


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deutsche aus der Umgebung und Reichsdeutsche aus dem Petroleumgebiet zum Abtransport in Buşteni eingefunden), daß also genügend Laderaum vorhanden sei, holte ich aus dem Keller auch noch unser Luftschutzgepäck — vor allem Wintersachen und Wäsche — herauf.

Endlich kam der Streifwagen und wir zogen los. Bis auf die unendlich vielen Neugierigen war es in den Straßen verhältnismäßig ruhig. Auf dem Wege zum Bahnhof überholten uns in LKW verladene Einheiten des Transportkommandos: mit Stahlhelmen und schußbereiten Waffen rasten sie dem Bahnhof entgegen. Dem Burgfrieden, den die beiden Kommandeure geschlossen hatten, war anscheinend doch nicht so ganz zu trauen. Von rumänischer Seite war nämlich zugesagt worden, die deutschen Wehrmachtsangehörigen (trotz anscheinend vorliegender Gegenbefehle) unbehelligt zu lassen, sofern die deutschen Landser sich ruhig verhielten und auch sonst keinen Anlaß zu „Provokationen” gäben (was u. U. ein dehnbarer Begriff hätte sein können).

Wir kamen schließlich mit unseren Habseligkeiten unbehelligt am Bahnhof an. Von Militär, Polizei oder gar Absperrungsmaßnahmen war nirgends was zu merken. Unser drei Monate altes Töchterchen hatten wir in eine „Trage mit Splitterschutz” gelegt, die bereits seit Wochen ihr Luftschutzkeller-Quartier war. Für diesen Zweck zwar ein ausgezeichnetes, jedoch für eine u. U. lange Güterwagen-Bahnfahrt ein etwas hartes und unbequemes Liegeplätzchen. Ich fuhr deshalb, als ich sah, daß in den Güterwagen noch verhältnismäßig viel Platz war, schnellstens noch einmal mit einem Fuhrwerk in meine Wohnung zurück und lud den Kinderwagen, einige warme Decken und Kissen auf.

Beim Zurückfahren zum Bahnhof kam mir vor, als ob die rumänische Bevölkerung nervöser als vorher sei. Auch sah man plötzlich rumänische Patrouillen und Polizisten auf der Straße. Ich kam aber unbehelligt bei den Meinen an und hatte somit mehr Glück als ein Bekannter, der ebenfalls noch einmal heimgefahren war, um sich etwas zu holen, und dabei verhaftet wurde; oder als ein Freund, der beim neuerlichen Eintritt in seine Wohnung bereits einige von den rumänischen „Brüdern” vorfand, die nach Herzenslust am Klauen waren.

In den Güterwagen richteten wir uns alle, so gut es ging, häuslich ein. . . . Um 20 Uhr war's dann so weit1: Wir fuhren ab! Einige Getreue der rumänischen Arbeiter hatten es sich nicht nehmen lassen, sich persönlich von uns am Bahnhof zu verabschieden. Wir riefen uns ein hoffnungsfreudiges „Auf Wiedersehen!” zu; denn wir traten ja diese Fahrt in der Überzeugung an, daß es bloß ein Abschied für kurze Zeit sei und wir in spätestens ein bis zwei Wochen wieder in Buşteni sein würden. Damals schien es noch unfaßbar, daß das lebenswichtige Petroleumgebiet oder — im äußersten Falle — der natürliche Karpatenwall nicht erfolgreich verteidigt werden würde.

In Azuga gesellten sich noch die dortigen Volksdeutschen zu uns. Sie brachten wilde Gerüchte mit: der Zug würde in Predeal aufgehalten werden;


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in Kronstadt sei der Bahnhof voll Militär; es würde scharf geschossen werden; uns allen winke Internierung; im übrigen sei das Ultimatuni für freien Abzug der deutschen Wehrmachtsangehörigen bereits um 20 Uhr abgelaufen.

In Kronstadt kamen wir etwa um 23.30 an, ohne in Predeal behelligt worden zu sein, und erfuhren, daß das Ultimatum erst um 24 Uhr abliefe. Bis dahin konnte aber die rumänisch-ungarische Grenze unmöglich passiert sein, zumal am Kronstädter Bahnhof mit rumänischen Militär- und Sicherheitsorganen wegen der Weiterfahrt erst verhandelt werden mußte. Doch entwickelten sich die Dinge anders: Vor jeden Güterwagen wurde ein rumänischer Soldat mit aufgepflanztem Seitengewehr postiert und die deutschen Offiziere weggeführt. Nach etwa einer halben Stunde, die uns wie eine halbe Ewigkeit erschien, kamen sie zurück. Die Pistolen hatten sie abgeben müssen und retteten dadurch die Gewehre und Maschinenpistolen ihrer Mannschaften. Wie wir später erfuhren, konnte das Bahn- und Lokpersonal, das von einem Weitertransport nichts wissen wollte, mit einer ziemliche hohen Summe bestochen werden, und so war es erst möglich, daß wir erst sehr spät nach Mitternacht an der rumänisch- ungarischen Grenze ankamen und mit einem „Gib-ihm!„-Anlauf von der Lok auf die ungarische Seite verschoben wurden, wo wir stundenlang stehen blieben, da keine Lok für den Weitertransport zur Verfügung stand1.

Im Laufe des Vormittags wurden wir mit Weh und Ach bis Madéfalva gebracht, wo wir erst die fernmündliche Antwort aus Budapest abwarten mußten, was mit uns zu geschehen habe. Wir standen in Madéfalva bis spät am Abend des 26. August. So hatte ich Gelegenheit und Zeit, meinen Geschwistern nach Sächsisch-Regen zu telegrafieren. Ich bat, uns einige Eß-waren und ungarisches Geld an die Bahn zu bringen; denn unsere Erkundigungen gingen dahin, daß wir über Reen geleitet würden. So fuhren wir


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dann die Nacht durch, vorbei an den mir vertrauten und geliebten Stellen des mit Schönheiten so reich gesegneten Miereschtales, voll trächtiger Erinnerungen an Sommerferien, Urlaubs- und Wanderfreuden.

Am 27. 8. kamen wir um die Mittagszeit in Déda an, wo wir erfuhren, daß unsere Fahrtroute nicht über Reen, sondern über die neue Strecke nach Szeretfalva-Dés gehe. Durch einen zufällig in Déda anwesenden, in Reen stationierten Wehrmachtsleutnant konnte ich meinen Bruder über die Fahrtrichtungsänderung unterrichten. Am 28. 8. kamen wir um 5.30 in Szeretfalva an, wo wir von zwei Vertretern der Volksgruppe, Gebiet Nösen, erwartet wurden. Sie hatten den Auftrag, alle aus dem Süden kommenden deutschen Flüchtlinge im Kreise Bistritz aufzufangen. Dagegen wandte sich aber Oberstlt. Schade, unter dessen Fittichen wir ja standen. Aber auch wir hatten gegen diese Maßnahme Bedenken, da auch unserer Meinung nach der Bistritzer Zipfel bedroht war; denn die Russen drängten von allen Seiten der Grenze zu; und unsere Hoffnung, jenseits des Karpatenwalles zu dessen Verteidigung deutsches und ungarisches Militär in rauhen Mengen anzutreffen, erwies sich als gänzlich trügerisch.

Wir wurden dann noch bis Bistritz gebracht, wo wir was Warmes essen und uns nach der langen Bahnfahrt wieder einmal tüchtig waschen sollten. In Bistritz traf ich mich wieder mit dem Reener Leutnant, der mit einem leider schon besetzten Kübelwagen, so daß er meinen Bruder nicht mitbringen konnte, nach Bistritz gekommen war. Ein von den Meinen in aller Eile, aber mit viel Liebe zusammengestelltes Freßpaket und ungarische Pengös waren uns auf unserer „Fahrt ins Blaue” hochwillkommene und dankbar begrüßte Hilfe. Nach 22 Uhr fuhren wir aus Bistritz wieder ab, nachdem wir uns von unseren vielen Bekannten herzlich verabschiedet hatten. Es war ein Abschied, bei dem wir uns gegenseitig seelisch aufzumuntern bemühten; denn wir fühlten im Grunde genommen doch alle, daß wir einer einschneidenden Schicksalswende entgegengingen, wenn sich diese damals auch noch nicht in irgendeiner konkreten Form umreißen ließ.

In Des kamen wir am 29. 8. um 15 Uhr an, wurden von der Wehrmacht verpflegt und fuhren wieder um 19 Uhr nach Nagykároly ab, das wir zu Mittag des nächsten Tages erreichten. An diesem Tage begann sich eine brütende Hitze aufs Land z« legen, die sich an den kommenden Tagen noch steigern sollte. — Von Nagykároly konnten wir nicht, wie geplant, in Richtung Debrecen-Szolnok weiterfahren, weil die Brücke über die Theiß gesprengt war, sondern mußten über Ermihályfalva—Großwardein nach Békéscsaba geleitet werden, das wir am 31. 8. um 17 LIhr erreichten. Vorgesehen war, über die Theiß zwischen Szentes und Csongrád zu fahren.

Nach einigen Bemerkungen über die von der ungewohnten Hitze verursachten Beschwerden fährt der Vf. fort:

Sonst aber war die Stimmung des Transportes gut. Zwar mußte die Hoffnung, daß wir bis zur Klärung der militärisch-politischen Lage „höchstens bis hinter den Karpatengürtel” fahren würden, nun endgültig begraben werden. Und damit wurde uns erstmalig auch der Ernst der ganzen Situation bewußt; denn nun erst zeichnete sich für uns die Gefahr ab, in der sich unsere Heimat befand; die Gefahr, an die wir in unserm Idealismus und Optimismus bisher nicht glauben konnten oder glauben wollten.


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Aus Békéscsaba fuhren wir um Mitternacht weiter; und zwar nicht, wie ursprünglich vorgesehen, in Richtung Szentes, denn die Theißbrücke war hier in der Zwischenzeit ebenfalls zerstört worden, sondern in Richtung Szolnok, wo inzwischen die Brücke laut Meldungen wieder befahrbar war. So kamen wir auf Umwegen am 1. 9. gegen 10 Uhr auf dem Bahnhofsvorgeländes des Bahnknotenpunktes Szajol an. Die Einfahrt war gesperrt. Und noch ehe wir uns erkundigen konnten, warum wir wieder auf offener Strecke stehen bleiben mußten, sahen wir mehrere Züge aus dem Bahnhofsgelände auf die doppelgleisigen Anlagen der Strecken nach Törökszentmiklós und Mezötúr herausfahren.

Dann überstürzten sich die Ereignisse: Fast gleichzeitig mit dem einsetzenden Fliegeralarm erschienen anglo-amerikanische Kampfverbände in gar nicht allzugroßer Höhe und brausten über uns hinweg. Ein wilder Motorenlärm erfüllte die Luft, der durch immer näherkommende Detonationen übertönt wurde. Erst glaubten wir an schwere Flak; doch dann merkten wir an dem Surren, Zischen, Pfeifen und Heulen, daß es sich um Bombenabwürfe und -einschlage handelte. Fast gleichzeitig mit dieser Erkenntnis war unser Transportzug plötzlich rechts und links im schönsten Bombenhagel. Es splitterte und krachte an allen Ecken und Kanten, die Erde bebte und unser Wagen, auf dessen Boden wir uns über unser Kindchen geworfen hatten, um es vor Splittern zu schützen, tanzte auf den Schienen wild hin und her und auf und ab. Wie durch ein Wunder wurden aus unserm Transport weder Menschen noch Wagen verletzt.

So schnell wie er gekommen, verschwand auch der Spuk. Der Bombenteppich — etwa in der Höhe unseres Transportzuges begonnen — wurde in verstärktem Maße in Richtung Bahnhof SzajoI-Theißbrücke fortgesetzt. Rauch, Staub und Qualm in der Gegend des Bahnhofes war, was die Kampfverbände hinterließen. Als sie abgeflogen waren, merkten wir erst, in welcher Gefahr sich unser Zug befunden hatte: Wir zählten etwa 30 Bombeneinschläge, die etwa in 100 m Entfernung von uns niedergegangen waren. Nach der Entwarnung erhielt ein Leutnant unseres Transportes den Auftrag, sich in Szajol wegen unserer Weiterfahrt zu erkundigen. Da er nicht ungarisch sprach, nahm er mich als Dolmetscher mit.

Der Vf. schildert den Eindruck des von Bomben schwer getroffenen Bahnhofsgeländes und berichtet dann weiter:

Vom Bahnhofspersonal erfuhren wir, daß durch den Angriff die Theißbrücke bei Szolnok abermals getroffen worden sei und an eine Weiterfahrt in dieser Richtung nicht zu denken sei. So hieß es abermals, sich in Geduld zu fassen und auf weitere Anweisungen zu warten. Um 15 Uhr wurden wir in Richtung Kunszentmárton umgekehrt und in der Nacht dann doch über die wiederhergestellte Brücke zwischen Szentes und Csongrád über die Theiß gebracht; über die gleiche Brücke, über die wir bereits von Nagykároly aus geleitet werden sollten. Unser Weg führte uns dann über die Orte Csongrád, Kiskunfélegyháza, Kecskemét und Cegléd. die wir im Laufe des 2. 9. durchführen. Ceglěd sah besonders verwüstet aus. Auf dem Bahnhofsgelände waren intensive Aufräumungsarbeiten im Gange. Nach Budapest wurden wir nicht hineingelassen, da die Gefahr, in einen Luftangriff hineinzufahren, zu groß war. Wir wurden deshalb um Budapest herumgeleitet und bis


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Rákos gebracht, wo wir etwa um Mitternacht ankamen und von Vertretern der Deutschen Volksgruppe in Ungarn, darunter auch Siebenbürger Sachsen, empfangen und verpflegt wurden.

Die ungarische Bevölkerung selbst war auf der ganzen Fahrt rührend bemüht, uns vor allem mit Wasser und Obst zu versehen, wo auch immer wir auf offener Strecke stehen blieben. Zeitweilig glich unser Güterwagen einem Melonenverkaufsstand, in dem groteskerweise Windeln, Herrenhemden, Damenschlüpfer, Taschentücher und Strümpfe zum Trocknen hingen. Woher die hierfür benötigten Wäscheleinen stammten, war schon damals nicht festzustellen. Sie waren einfach da — sehr zu Freude aller Mitinteressierten.

Die Fahrt ging dann nach Hegyeshalom weiter. Die Strecke bis dorthin sah verheerend aus: Ungezählte modernste Fabriksanlagen waren fast restlos zerstört; verzagt beurteilte die Bevölkerung die Zukunft und bemitleidete uns um die verlorene Heimat. In Hegyeshalom selbst konnten wir für sündhafte Preise einige Keks, Zigaretten und sogar Tokajer Wein kaufen. In einem Gasthaus in Bahnhofsnähe aßen wir zwar teuer, dafür aber wenig und schlecht zu Mittag; doch waren wir froh, nach langer Zeit wieder etwas Warmes gegessen zu haben. Für unsere restlichen Pengös hätten wir gern noch dies und jenes eingekauft. Da aber der Tag ein Sonntag war, hatten sämtliche Geschäfte zu. Von Hegyeshalom fuhren wir knapp nach 17 Uhr nach Brück a. d. Leitha weiter. Angeblich sollten wir dort in ein Auffanglager kommen. Da wir nun in „sicheren Händen” seien, verließen uns unsere Wehrmachtbegleiter. Ihre Mission war erfüllt, und wir waren auf uns selbst gestellt1.

Es folgt noch die Schilderung der letzten Etappe des Transports von Brück a. d. Leitha bis zur Einweisung in das Umsiedlungslager Schiltern, Kr. Krems, in Niederösterreich2.