b. Der Verlauf des Aufstandes.

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Bis zum 4. Mai herrschte unter der tschechischen Bevölkerung Prags Ruhe; allerdings war ein selbstbewußteres Auftreten der Tschechen unver. kennbar1. In den Morgenstunden des 5. Mai kam es in der Innenstadt zu Zusammenrottungen, und die Menge begann unter dem Jubel der Zuschauer, deutsche Schilder und Aufschriften zu entfernen oder zu übertünchen. Gleichzeitig tauchten in den tschechischen Vierteln Fahnen mit den tschechischen Nationalfarben und daneben auch solche der Alliierten auf2. Deutsche Streifen und einzelne Soldaten wurden entwaffnet und, wenn sie von der Schußwaffe Gebrauch machten, niedergemacht3. Um eine systematische Aktion schien es sich vorerst noch nicht zu handeln. Erst als es einer bewaffneten Gruppe gelang, die schwache deutsche Wachmannschaft des Senders Prag II zu überrumpeln und diesen in Besitz zu nehmen, erfolgte über die mit der Sendeanlage gekoppelten Lautsprecher in den Straßen der Stadt der Aufruf zum bewaffneten Aufstand mit der Losung: „Smrt Němcům!” (Tod den Deutschen!) — „Smrt nèmeckým occupantům!” (Tod den deutschen Okkupanten!) — „Povstání! Povstání!” (Aufstand! Aufstand!)4.

Die Stadt verwandelte sich im Nu in einen brodelnden Hexenkessel. Viele der über das ganze Stadtgebiet verteilten deutschen Dienststellen wurden von den Aufständischen überwältigt oder ergaben sich kampflos. In wenigen Stunden war der größte Teil der Stadt, mit Ausnahme des Regierungsviertels um den Hradschin, des SD-Hauptquartiers im Petschek-Palais, der am Stadtrand gelegenen Kasernen und einiger Straßenzüge in Dejwitz, die vorwiegend von Deutschen bewohnt waren5, in der Hand der Insurgen-


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ten, denen sich Soldaten der Regierungstruppe1 und Protektoratspolizei anschlössen und die nun die sogenannte Revolutionsgarde (RG) bildeten.

Die ersten bewaffneten Aktionen der Aufständischen wurden wohl von geheimen Kommandostellen der Widerstandsbewegung dirigiert, waren aber nicht überall aufeinander abgestimmt2. Wieweit dabei westlich orientierte Gruppen des „nationalen Widerstandes” (Národní Odboj) und kommunistische gegeneinander arbeiteten, läßt sich noch nicht im einzelnen überblicken. Schließlich gelang es dem sogenannten Nationalrat unter Vorsitz von Prof. A. Pražák, der von der Kaschauer Regierung unterstützt wurde, auch solche Widerstandsgruppen zur Zusammenarbeit zu bewegen, die sich nicht mit dem Kaschauer Programm identifizierten3. Der Nationalrat übernahm die Regierungsgewalt in den von Aufständischen beherrschten Stadtteilen; die militärischen Operationen leitete in seinem Auftrag General Kutlvašr4. Der Erfolg der Insurgenten wurde nicht zuletzt durch die unerwartet rasche Überrumpelung zahlreicher deutscher Stützpunkte in der Stadt begünstigt, bei der ihnen auch Waffen in die Hände fielen5.

Zögernd nur setzte die deutsche Gegenaktion ein und wurde durch die Verwirrung in der obersten Führung und den Mangel an kampfkräftigen Truppen gehemmt, von denen der größte Teil bereits den amerikanischen Linien zustrebte. Der Wehrmachtsbevollmächtigte beim deutschen Staatsminister für Böhmen und Mähren, General Toussaint, alarmierte die in der Nähe Prags stehenden Truppen, vor allem die auf dem Truppenübungsplatz Beneschau und um Böhmisch Brod stationierten Verbände der Wehr-


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macht und der Waffen-SS, die in aller Eile in Richtung Prag in Marsch gesetzt wurden, aber auf den von Aufständischen blockierten Straßen nur langsam vorankamen. Ihr in den folgenden Tagen von Panzern unterstützter Gegenstoß war im Anfangsstadium erfolgreich — Holleschowitz, Libeň und Pankrác fielen wieder in deutsche Hand — blieb dann aber vor den in Windeseile auf allen wichtigen Straßen errichteten tschechischen Barrikaden liegen. Auch der Versuch, den Sender wieder in deutsche Hand zu bekommen, scheiterte. Dennoch brachte der deutsche Gegenangriff die Aufständischen in eine kritische Situation, und sie sandten über den Rundfunk Hilferufe an die bereits in Pilsen stehenden Amerikaner. Die in London verbliebenen tschechoslowakischen Politiker versuchten die Amerikaner auf diplomatischem Wege zum Entsatz Prags zu bewegen1. Aber selbst Churchills Bemühungen, Eisenhower für den Vorstoß nach Prag zu gewinnen, blieben ergebnislos2, da die Sowjets ihre Zustimmung für den weiteren amerikanischen Vormarsch über die zugestandene Demarkationslinie hinaus verweigerten, um die Besetzung Prags durch ihre eigenen Verbände durchführen zu können3.

Den bedrängten Aufständischen wurde aber von anderer Seite unerwartete Hilfe zuteil: von den in Böhmen liegenden Formationen der russischen Befreiungsarmee des Generals Wlassow. Die Wlassow-Armee war jahrelang innerhalb der nationalsozialistischen Führung sehr umstritten gewesen; erst gegen Ende 1944 wurden einige wenige Divisionen aus russischen Gefangenen und Überläufern von ihr aufgestellt, eine davon in Beraun in der Nähe von Prag in


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Stärke von 18 000 Mann unter dem General Bunischenko. Sie wurde in den Tagen des Aufstandes nach Prag geführt und griff am 7. Mai auf seiten der Aufständischen in die Kämpfe ein. Welche Gedankengänge Wlassow zu diesem Schritt bestimmten, läßt sich nur vermuten; möglicherweise erwartete er den Einmarsch der Amerikaner, deren Sympathien er gewinnen wollte. Er gab, vielleicht von den Tschechen aufgefordert, der Division den Befehl, die sich verzweifelt wehrenden Aufständischen zu entlasten und verhinderte damit ein weiteres Vordringen der deutschen Truppen und die Befreiung der deutschen Internierten und Gefangenen, die sich in tschechischer Hand befanden1. Die damit vorbereitete Wendung konnten auch deutsche Flugzeuge nicht mehr aufhalten, die die Verteidigungszentren der Aufständischen bombardierten2. Die Luftangriffe forderten vor allem Opfer unter der Zivilbevölkerung und steigerten dadurch die Erbitterung der Tschechen, die sich gegen die internierten Deutschen entlud.

Bereits am späten Abend des 5. Mai hatte Frank durch Vermittlung des Internationalen Roten Kreuzes den Nationalrat zu Verhandlungen aufgefordert unter der Bedingung, daß die Aufständischen ihre Positionen räumten und die Waffen niederlegten. Da die Tschechen ablehnten, erklärte sich Frank schließlich bereit, eine Delegation des Nationalrats im Czernin-Palais, seinem Amtssitz, zu empfangen. Die nun folgenden Verhandlungen brachten aber keine Annäherung der beiderseitigen Standpunkte, da die Parlamentäre die Forderung Franks nach Evakuierung der deutschen Frauen und Kinder unter dem Schutz des IRK sowie freie Rückzugstraßen für die deutsche Armee nur dann garantieren wollten, wenn von deutscher Seite alle Feindseligkeiten eingestellt würden3. Als die allgemeine militärische Lage keine andere Wahl mehr zuließ, unterzeichnete General Toussaint am Nachmittag des 8. Mai das für die damalige Situation der Deutschen


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günstige Protokoll über die Kapitulation der ihm unterstehenden Streitkräfte. Den deutschen Truppen wurde freier Abzug gewährt, die Frauen und Kinder wurden dem Schutz des IRK unterstellt, das sie betreuen und für ihren Abtransport sorgen sollte1.

Die abziehenden Truppen erhielten den Befehl, auf sämtlichen zur Verfügung stehenden Fahrzeugen so viele Zivilisten wie möglich mitzunehmen. Dennoch konnte bis zum 9. Mai, als überraschend die Panzerspitzen Konjews


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aus nördlicher Richtung vor Prag auftauchten, nur ein Bruchteil der deutschen Zivilbevölkerung die Stadt verlassen. In die aus Prag abziehenden Nachhuten stießen die sowjetischen Panzer hinein und überrollten sie. Als die sowjetischen Truppen die Stadt erreichten, begannen hier unbeschreibliche Massenausschreitungen gegen die zurückgebliebenen Deutschen1.