4. Das Schicksal der deutschen Bevölkerung im polnischen Staatsgebiet

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Nachdem im Sommer 1944 die Rote Armee die östliche Hälfte Polens erobert hatte und Lublin in ihre Hand gefallen war, konstituierte sich am 22. Juli 1944 das Polnische Komitee der Nationalen Befreiung zur Übernahme aller zivilen Verwaltungsangelegenheiten. Sämtliche Mitglieder waren Angehörige der Union der polnischen Patrioten, zu der sich im Exil in Rußland lebende Kommunisten zusammengeschlossen hatten. Unter dem Einfluß der Sowjet-Union, welche — die Londoner Exilregierung Polens ignorierend — das Lubliner Komitee als allein rechtmäßige Vertretung Polens anerkannte, erklärte sich dieses am 1. Januar 1945 zur vorläufigen Regierung Polens3).

Bereits unmittelbar nach seiner Konstituierung traf das Polnische Komitee der Nationalen Befreiung am 26. Juli 1944 mit dem sowjetischen Oberkommandierenden in Polen eine Vereinbarung, wonach alle Teile des polnischen Territoriums, die „nicht mehr in der Zone der unmittelbaren Feindseligkeiten” liegen4), seiner Verwaltung unterstehen.

Auf Grund dieses Abkommens ging unmittelbar nach der Eroberung die Verwaltung Zentralpolens und der Westgebiete des polnischen Staates an polnische Behörden und polnische Miliz über. Nach kurzer Zeit rückten die russischen Kommandanturen ab. Die Organe des wiedererrichteten polnischen Staates bestimmten nunmehr das Schicksal der Deutschen, die besonderen gesetzlichen Verfügungen und politischen Maßnahmen unterworfen wurden.

Als die Rote Armee zum Angriff ansetzte, lebten in den Gebieten, die vor dem Kriege zum polnischen Staat gehört hatten, rund 1,6 Millionen Deutsche. Die Zahl derer, die in ihren Heimatorten verblieben oder nach mißglückter Flucht dorthin zurückkehrten, läßt sich nur ungefähr schätzen. Doch wird man annehmen müssen, daß etwa die Hälfte der deutschen Bevölkerung, d. h. ca. 800 000 Deutsche, noch im Gebiet des polnischen Staates anwesend war, als den polnischen Kommunisten von der Roten Armee die Verwaltungshoheit übergeben wurde.


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Das Unheil, das über diese Deutschen hereinbrach, läßt sich nicht verstehen ohne die vorausgehende Geschichte eines durch zweieinhalb Jahrzehnte sich hinziehenden erbitterten Nationalitätenkampfes. In seinem Verlauf waren nach der aufgrund des Versailler Vertrags vorgenommenen Abtrennung deutscher Gebiete Hunderttausende von Deutschen aus ihrer Heimat verdrängt worden. Nur ein geringer Teil konnte in Posen und Westpreußen zurückbleiben1); seine Lage hatte sich, zuletzt seit 1933, zunehmend verschlechtert. Beim Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde er das Opfer furchtbarer Ausschreitungen, die Tausenden, vor allem in Bromberg, das Leben kosteten. Schließlich waren es von anderer Seite die radikalen Maßnahmen der nationalsozialistischen Unterdrückungspolitik, die auf die Vernichtung der polnischen Oberschicht und die Herabdrückung des polnischen Volkes in ein Fellachendasein zielten, die den leidenschaftlichen Haß aller Polen und einen ebenso leidenschaftlichen Vergeltungsdrang weckten, der nun auf Unrecht neues, nicht geringeres Unrecht häufte und einzelne Gruppen eines leicht erregbaren Volkes zu entsetzlichen Gewalttaten verleitete. Mit dem Einmarsch der sowjetischen Truppen begann daher für die Deutschen, die sich im Bereich des wiedererrichteten polnischen Staates befanden, eine Zeit ungeheuerer Leiden und Entbehrungen. Waren auch sie wie überall den Gewalttaten sowjetischer Soldaten ausgesetzt2), so wurden sie erst recht wegen ihrer volksmäßigen Verbundenheit mit der deutschen Okkupationsmacht für deren Wirken haftbar und verantwortlich gemacht. Exzesse gegen einzelne Deutsche, vor allem aber öffentliche Ausschreitungen gegenüber ganzen Gruppen und Kolonnen von Deutschen, die in Lager abgeführt oder zu Aufräumungsarbeiten eingesetzt wurden, wie etwa in Warschau, Lodz, Konitz und anderen Städten3), machen deutlich, welches Maß an Feindschaft und Haß sich über Menschen ergoß, die, gleich, ob persönlich mitschuldig oder unschuldig, für das büßen mußten, was gewissenlose Elemente im Namen des Volkes begangen hatten, dem auch sie angehörten. Reichsdeutsche, Umsiedler aus Ost- und Südosteuropa und alteingesessene Volksdeutsche waren in gleicher Weise den spontanen Ausschreitungen und behördlichen Maßnahmen ausgesetzt, die seit dem Einzug der Roten Armee über alle Deutschen in den polnischen Provinzen hereinbrachen, zumal die Deutschen vielerorts, zweifellos in bewußter Anknüpfung an die nationalsozialistische Judenpolitik, auf ihrer Kleidung weithin sichtbare Zeichen (weiße Armbinden, Hakenkreuze) zu tragen hatten4). So als Deutsche gezeichnet, wurden sie der Gegenstand von Verhöhnungen und Mißhandlungen, die oft von Halbwüchsigen und Milizangehörigen ausgingen. Unzählige Deutsche sind in jenen Tagen und Wochen nach der Eroberung von polnischen Behörden ohne Auftrag aus reiner Willkür verhaftet, von Bewachungsmannschaften gequält, dann wieder grundlos ent-


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lassen und aufs neue aufgegriffen worden. Es war ein Zustand ungezügelten Sieges- und Vergeltungsrausches, der sich besonders in den Städten zu Massendemonstrationen auswuchs, sich aber auch in den abgelegensten Gegenden und kleinsten Orten auswirkte, zumindest in der Weise, daß das Eigentum der Deutschen ständig geplündert wurde, daß ihnen oft auf der Straße die Kleidungsstücke vom Leibe gerissen wurden oder daß sie ganz nach Laune und Bedarf zu schmutzigen Zwangsarbeiten geholt wurden. Am meisten litten die deutschen Frauen, die zu alledem oft Tag und Nacht von russischen Soldaten belästigt wurden, so daß viele von ihnen den selbstgewählten Tod einem unerträglichen Leben vorzogen1).

Mitunter wurde das Los einzelner Deutscher ein wenig erleichtert, weil manches freundschaftliche Verhältnis zu polnischen Familien Schutz vor Nachstellungen russischer Soldaten, vor Plünderungen und Gewalttaten gewährte2), im ganzen gesehen, bedeuteten jedoch auch solche Fälle nur Gradunterschiede eines in jedem Falle entsetzlichen Schicksals, das im Zeichen dar Vergeltung und Rache stand.

Im Hinblick auf die Verbrechen, die während der deutschen Okkupation an Polen und polnischen Juden begangen worden waren, ist das Vorgehen der Polen wohl erklärbar, es kann damit aber niemals entschuldigt werden. . Denn gerade im Jahre 1945 waren die polnischen Behörden und Sicherheitsorgane weit entfernt von einem ernsthaften Bemühen, die Schuldigen zu finden und zu strafen, sondern der Vergeltungswille machte sich blindlings Luft und schlug auf alle Deutschen zu. obwohl man wissen mußte, daß die, die man verhöhnte, mißhandelte, verhaftete und tötete, in der Regel nicht die Schuldigen und oft völlig Ahnungslose waren. Das Blindwütige solcher unterschiedslos gegen alle Deutschen gerichteten Verfolgungen, auch dort, wo sie aus einem berechtigten Verlangen nach Sühne geschahen, zeigte sich, als man im Herbst 1945 und im Frühjahr 1946 verschiedentlich Massengräber von Polen, die während der deutschen Besetzung umgebracht worden waren, exhumieren und die Leichen auf Ehrenfriedhöfén beisetzen ließ, wobei Deutsche gezwungen wurden, unter einer zahlreichen, tobenden Zuschauermenge die Leichen umzubetten, und dabei Schmähungen, Mißhandlungen und Erniedrigungen schlimmster Art über sich ergehen lassen mußten3).

Von solchen mehr oder minder spontanen Äußerungen von Vergeltungsgefühlen und nationalistischer Leidenschaft sind die systematischen Maßnahmen zu unterscheiden, die der polnische Staat zur Bekämpfung des Deutschtums ergriff. Mehrere umfangreiche Gesetze mit einer Fülle sehr dehnbarer Durchführungsverordnungen boten die Handhabe, jeden Deutschen zu treffen, der sich im Bereich des wiedererrichteten polnischen Staates befand. Zwei Gruppen von Gesetzen bildeten die Grundlage für die Verfolgung der Deutschen: die Dekrete über die „Strafzumessung für faschistisch-hitlerische Verbrecher”, der Komplex von Dekreten über „Siche-


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rungsmaßnahmen gegen Verräter der Nation”, und über die „Ausscheidung feindlicher Elemente ...„, später „... von Personen deutscher Nationalität aus der polnischen Volksgemeinschaft.”

Das Dekret vom 31. August 1944 über die „Strafzumessung für faschistisch-hitlerische Verbrecher”1) richtete sich zunächst nur gegen Personen, deren Verhalten während der deutschen Besatzung zur Schädigung polnischer Zivilpersonen und Kriegsgefangener geführt hatte. Das Ab-änderuugsdekret vom 11. Dezember 19462) erweiterte den Strafrahmen und dehnte insbesondere die Straffälligkeit auf die bloße Beteiligung an „verbrecherischen Organisationen” aus, womit zahlreiche Verhaftungen noch nachträglich legitimiert werden sollten. Denn zahlreiche Deutsche waren auf bloßen Verdacht hin oder allein ihres Deutschtums wegen während der Verhaftungswelle unmittelbar nach dem Einfall der Roten Armee ohne gesetzliche Grundlage in Gefängnisse und Zuchthäuser gesperrt worden und blieben dort mitunter noch Jahre, ehe sie abgeurteilt wurden.

Die Vielzahl willkürlicher, oft auf bloßen Denunziationen beruhender Verhaftungen von Deutschen sind durch weitauslegbare Gesetze mit unklaren oder nicht eindeutig formulierten Bestimmungen geradezu heraufbeschworen worden. So ließ sich z. B. der in dem Dekret zur Bestrafung faschistischer Verbrechen vom 31. August 19443) enthaltene Passus, daß der Bestrafung anheimfalle, wer an der ‚.grausamen Behandlung oder Verfolgung von Zivilpersonen oder Kriegsgefangener beteiligt” gewesen sei oder von diesen „Leistungen” erzwungen habe „unter der Drohung ihrer Festnahme und Übergabe in die Hände der Okkupationsmacht”, auf geringfügigste Vorkommnisse anwenden4). Denn jeder Befehl, der von Deutschen an polnische Kriegsgefangene ergangen war, konnte notfalls als „Zwang zu Leistungen unter Drohungen” interpretiert werden, und auch die Anklage wegen „grausamer Behandlung” wurde in vielen Fällen auf bloße Behauptungen und Vermutungen gestützt5). Ebenso mußte die Verfügung, daß die polnischen Sicherheitsbehörden (Miliz und UB.) zur Verhaftung verpflichtet waren, sofern nur ein „begründeter Verdacht” vorlas;6), dazu führen. daß auch böswillige Denunziationen zur Inhaftierung von Deutschen genügten.

Die in erschreckend hohem Maße willkürlich oder aus unzulänglichen Verdachtsmomenten vorgenommenen Verhaftungen wogen umso schwerer, als es für alle, die einmal verhaftet waren, auch dann, wenn die Unnahbarkeit der Anklage offenkundig wNr. kaum noch eine Möglichkeit der Entlassung gab. Da meist schon über das Vermögen der Verhafteten verfügt war, hätte eine Entlassung nur neue Schwierigkeiten gebracht, und so griff man lieber zu der einfacheren Methode von Verhören, bei denen man die Verhafteten unter oft schweren Mißhandlungen zwang, Geständnisse von Ver-


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brechen abzulegen, die diese niemals begangen hatten1). Diese Verhöre, die dazu dienten, Anklagepunkte festzulegen, die man den Sonderstrafgerichten zuzuleiten hatte2), haben oft zu den schlimmsten Übergriffen geführt, und viele Deutsche sind schon dabei ums Leben gekommen.

Tausende von Deutschen, die auf der Flucht oder noch in ihren Heimatorten in Polen von der Roten Armee angetroffen wurden, sind den Massenverhaftungen, die unmittelbar nach der Eroberung einsetzten, zum. Opfer gefallen. Die großen Zuchthäuser Polens, vor allem Fordon bei Bromberg, Graudenz, Krone a. d. Brahe, Lodz, Mokotow in Warschau, und auch die kleineren Gefängnisse in den Kreisstädten waren bald mit Inhaftierten überfüllt, die unter roher Behandlung, unzureichender Ernährung und bei schweren Straf arbeiten gefangen gehalten wurden3). Viele haben diese Zeit nicht überstanden und sind den Strapazen erlegen. Andere wurden zwangsweise nach Rußland deportiert, wenn die Russen polnische Behörden nötigten, Gefängnisinsassen zu diesem Zweck auszuliefern4).

Der größte Teil der Inhaftierten jedoch verbrachte mehrere Jahre in den polnischen Gefängnisanstalten. Erst 1946/47 wurden sie einem Gerichtsverfahren unterworfen und dann zumeist zu einer Gefängnishaft von mindestens drei Jahren verurteilt. Die Zeit der Untersuchungshaft wurde ihnen in verschiedener Höhe angerechnet5).

Nach Verbüßung ihrer Strafe erhielten die Inhaftierten jedoch ihre Freiheit nicht zurück. Sie wurden einem Arbeitslager zugeführt und entsprechend ihrer körperlichen Verfassung zu Zwangsarbeiten verwandt.

Die Maßnahmen gegen die Deutschen in Polen wurden in abgeschwächter Form auch gegen die deutsche Bevölkerung der Freien Stadt Danzig und des ehemaligen Regierungsbezirkes Westpreußen angewandt, die durch Dekret vom 30. April 1945 der Wojewodschaft Danzig einverleibt worden waren. Auch viele Bewohner dieser Gebiete wurden verhaftet, in die Danziger Gefängnisanstalten eingeliefert und später nach Fordon bei Bromberg überführt, um nach ihrer Entlassung aus der Gefängnishaft ebenfalls in Arbeitslagern interniert zu werden6).

Der zweite, weitaus umfassendere Kreis von Gesetzen des polnischen Staates gegen die deutsche Bevölkerung wird durch den Komplex der „Sicherungsmaßnahmen gegen Verräter der Nation” gebildet. Als „Verräter der Nation” definierte der Gesetzgeber einen „polnischen Staatsbürger, der während der deutschen Okkupation . . . entweder seine Zugehörigkeit zur deutschen Nation oder seine deutsche Abstammung erklärt oder tatsächlich


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von den Rechten und Privilegien der Zugehörigkeit zur deutschen Nation oder der deutschen Abstammung Gebrauch gemacht hat...”1).

Bei der strafrechtlichen Verfolgung von „Verrätern der Nation” legte die polnische Gesetzgebung die Klassifizierungen zugrunde, die im Zuge der nationalsozialistischen Volkspolitik in den besetzten und eingegliederten Ostgebieten zur Unterscheidung der Deutschen von den Polen eingeführt worden waren. Im Gebiet des Generalgouvernements handelte es sich hierbei um die Klasse der „Deutschstämmigen” und im Warthegau und den anderen Teilen der eingegliederten Ostgebiete, wo die Differenzierung noch weiter gegangen war, um die Angehörigen der deutschen Volksliste, die je nach dem Grade ihrer „Deutschstämmigkeit” in vier verschiedene Kategorien (Volksliste l—4) eingestuft worden waren, ferner auch um die Gruppe der „Leistungspolen”2). — Alle diese durch das nationalsozialistische Regime begünstigten Personen, denen von den deutschen Behörden entsprechende Ausweise ausgestellt worden waren, die den Polen nunmehr als Beweismittel dienen konnten, galten zunächst generell als Kollaboranten und Verräter und fielen damit automatisch unter die entsprechenden polnischen Strafgesetze. Das wichtigste dieser Gesetze, das Dekret vom 28. Februar 1945 über die „Ausscheidung der der polnischen Nation feindlichen Elemente aus der Volksgemeinschaft”3), sah lediglich gewisse Rehabilitierungsmöglichkeiten für die Angehörigen der Volkslisten 2—4 sowie für die Gruppe der „Leistungspolen” vor, wenn diese nachweisen konnten, daß sie gegen ihren Willen und unter Zwang in die einzelnen Gruppen eingestuft worden waren, und durch ihr Verhalten ihre polnische Volkszugehörigkeit bewiesen hatten4), und die außerdem bereit waren, eine Leyalitätserklärung gegenüber dem polnischen Staat abzugeben5).

Die Konsequenzen des Ausschlusses aus der polnischen Volksgemeinschaft waren: Enteignung, Heranziehung zur Zwangsarbeit und „Unterbringung an einem abgesonderten Ort”6).

In den 1944 und 1945 erlassenen Gesetzen war zunächst ganz allgemein vom Ausschluß „feindlicher Elemente” gesprochen worden, später — im Dekret vom 13. September 1946 — ist dann ausdrücklich festgelegt worden,


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daß es sich hierbei um die „Ausscheidung von Personen deutscher Nationalität aus der polnischen Volksgemeinschaft” handelte1). Es wurde darin festgelegt, daß als Kriterium der deutschen Volkszugehörigkeit die aktive Bekundung der Zugehörigkeit zum deutscheu Volkstum zu gelten habe, wobei die während des Krieges vorgenommenen Deutschtumserklärungen als nicht allein maßgeblich bezeichnet wurden2), weil man nur die echten deutschen Volkszugehörigen treffen wollte, nicht alle Personen, die sich unter dem Druck der Verhältnisse während des Krieges formell zum Deutschtum bekannt hatten. Als Folge der Ausschließung aus der polnischen Volksgemeinschaft wurde in Art. 4 des Dekretes vom 13. September 1946 die Aussiedlung aus dem polnischen Staatsgebiet festgelegt.

Die nationale Ausschließungspolitik des polnischen Staates ist formell erst mit dem Gesetz vom 20. Juli 19503) abgeschlossen worden, das schon einen rein kommunistischen Tenor besaß und gegenüber der von nationalistischen Tendenzen bestimmten Politik der ersten Nachkriegsjahre die Stärkung der „Volksmacht” in den Vordergrund stellte. Alle Verfahren gegen polnische Bürger, die in der Zeit des Krieges ihre Zugehörigkeit zum deutschen Volkstum oder ihre Deutschstämmigkeit bekundet hatten, wurden eingestellt, neue nicht mehr eingeleitet. Den Betroffenen wurden die vollen Bürgerrechte zurückgegeben. — Da aber bis zum Frühjahr 1950 die große Masse der in Polen beheimateten Volksdeutschen bereits ausgewiesen war, konnte dieses Gesetz im wesentlichen nur den „Rehabilitierten” Erleichterungen bringen; für das Deutschtum in Polen brachte nicht dieser gesetzliche Akt, sondern die Austreibung den Abschluß jahrelanger Verfolgung.

Der Leidensweg der Deutschen in Polen läßt sich aus den Gesetzestexten allein nicht erkennen. Die Erlebnisberichte erst geben uns ein Bild davon, wie die Gesetze im einzelnen angewandt wurden, und welche Folgen sie für die Deutschen hatten. Die Maßnahmen der Enteignung, der Internierung und der Zwangsarbeit machen die furchtbare Wirklichkeit aus, in die sich die deutsche Bevölkerung gestellt sah.

Zu den ersten folgenschweren Maßnahmen, die der polnische Staat gegen die deutsche Bevölkerung verhängte, gehörte die entschädigungslose Vermögensenteignung. Sie wurde in verschiedenen Formen durchgeführt und bis Ende Mai 1945 beendet. Es begann damit, daß einzelne Polen sofort nach dem Einmarsch russischer Truppen Wohnungen, Häuser und Höfe deutscher Eigentümer für sich in Besitz nahmen4). Nach dem Erlaß des Dekrets vom 28. Februar 1945, welches ganz allgemein die Enteignung der deutschen Bevölkerung anordnete5), legalisierten polnische Behörden dieses eigenmächtige Vorgehen. Bei wachsendem Zustrom polnischer Interessenten wurden die Enteignungen in den Monaten März bis Mai 1945 in geschlossenen Aktionen auf ganze Dörfer ausgedehnt und die deutschen Bewohner kurzfristig aus ihren Höfen und Häusern herausgesetzt6). Besitz


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anweisungen wurden ausgestellt, bei deren Verteilung sich bereits der Einfluß der Kommunistischen Partei bemerkbar machte. Neben polnischen Umsiedlern aus den von Rußland annektierten Gebieten Polens waren es vornehmlich die polnischen Landarbeiter deutscher Bauern, die bei der Verteilung deutschen Eigentums berücksichtigt wurden1). Größere Güter soweit sie nicht von der russischen Armee in Verwaltung genommen worden waren, verfielen der Bodenreform und wurden nach der Parzellierung an polnische Siedler verteilt2).

Manche Polen, die ihren neuen Besitz autraten, gestatteten den enteigneten Deutschen, auf ihrem Anwesen zu bleiben, sei es, um sie nicht unmittelbar dem Elend preiszugeben, sei es, um ihre Arbeitskraft auszunützen. In Dachkammern, Schuppen und Abstellräume verdrängt, wurden diese Deutschen auf ihren ererbten Höfen zu bloßen Arbeitskräften der neuen polnischen Besitzer und mußten für karge Nahrung ohne Entgelt schwerste Arbeiten verrichten, oftmals unter Schikanen und Mißhandlungen3).

Andere wiederum wurden von den neuen polnischen Besitzern sofort von ihrem Eigentum verjagt, ohne daß die Eindringlinge Rücksicht auf Alte und Kinder nahmen4). Den Vertriebenen wurde nicht einmal gestattet, das Lebensnotwendige einzupacken; obdachlos, hungernd und frierend irrten sie umher, bis sie, oft erst nach Tagen, Unterschlupf fanden in verfallenen Gebäuden, in Viehställen, bei Verwandten oder mitleidigen Polen, die sich durch ihre Aufnahme selbst gefährdeten5).

Besonders hart traf dieser Verlust diejenigen Deutschen, die durch die Umsiedlungsaktion der nationalsozialistischen Regierung in den Jahren 1939 und 1940 schon einmal ihre Heimat in Ost- und Südosteuropa verloren hatten. Sie waren im damaligen Warthegau in landwirtschaftliche Betriebe eingewiesen worden, deren polnische Besitzer man vorher entfernt hatte Nun kehrten diese oft schon im Gefolge der russischen Truppen zurück und ließen ihre Erbitterung an den persönlich unschuldigen, wider ihren Willen in die nationalsozialistische Vcrdrängungspolitik verstrickten, heimatlosen Umsiedlern aus, denen die Rückkehr in ihre alte Heimat in den baltischen Ländern, in Rumänien, Jugoslawien versperrt war. — Ein besonders tragisches Los erlebten zahlreiche Rußlanddeutsche. Viele von ihnen, zumindest diejenigen, die erst im Verlauf des Rückzuges der deutschen Truppen aus Rußland (1943/44) nach dem Warthegau gekommen und dort angesiedelt worden waren, wurden 1945 von den Sowjets aufgegriffen und in Straflager nach Rußland deportiert, wo vermutlich ein großer Teil von ihnen zugrunde gegangen ist6).


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Die Folge des Enteignungsdekrets vom 28. Februar 1945 war ein radikaler Umsturz der Besitz- und Vermögensverhältnisse der deutschen Bevölkerung in Polen. Anders als in den ostdeutschen Reichsgebieten, wo sich der Prozeß der Verelendung infolge des langsamen Einsickerns polnischer Ansiedler nur allmählich vollzogen hatte1), sah sich die deutsche Bevölkerung im Bereich des polnischen Staates mit einem Schlage der Besitzlosigkeit und der damit verbundenen materiellen Not ausgesetzt und als diskriminierte nationale Minderheit auf die niedrigste soziale Stufe herabgedrückt. Bereits im Mai 1945 war infolge der radikalen Enteignung das gesamte Deutschtum im polnischen Staatsgebiet entwurzelt und hinter dem Stacheldraht der Internierungslager heimatlos geworden. Ihrer Freizügigkeit beraubt und aus dem polnischen Staat und der polnischen Gesellschaft ausgeschaltet, wurden die Volksdeutschen zu jahrelanger Zwangsarbeit herangezogen, bevor man sie außer Landes verwies2).

Durch die Internierungslager und die schrecklichen Formen der Zwangsarbeit wurde das Schicksal der Deutschen im polnischen Staatsgebiet noch schwerer als das der Deutschen in den östlichen Provinzen des Reiches. Von der Einlieferung in Arbeitslager wurden nicht nur die eingesessenen Volksdeutschen, sondern gleichermaßen auch die in den Reichsgau Wartheland eingewiesenen deutschen Umsiedler sowie die noch in Polen zurückgebliebenen Reichsdeutschen betroffen, wenngleich letztere im allgemeinen früher entlassen und ausgewiesen wurden3).

Der Arbeitseinsatz der Deutschen in Polen begann schon unmittelbar nach der Besetzung mit Schanz- und Aufräumungsarbeiten im rückwärtigen Frontgebiet4). Deutsche Frauen mußten, den rohen Schikanen der polnischen Miliz ausgesetzt, von russischen Soldaten belästigt und vergewaltigt, bei völlig unzureichender Verpflegung Leichen bergen, Tierkadaver begraben, Munition und Kriegsgerät fortschaffen, Straßen und Wege freilegen und Häuser säubern5).

Später begann ein systematischer Einsatz in der Landwirtschaft und Industrie. Um die große Zahl der dem Arbeitszwang unterliegenden Menschen erfassen und planvoll einsetzen zu können, wurde ein Netz von Arbeitslagern über das ganze Land gelegt. Zunächst dienten als solche die zum Teil bereits im Zuge der Enteignungsaktion eingerichteten Internierungslager6). Im Verlauf der Jahre 1945/46 reduzierte man ihre Zahl und faßte schließlich alle im polnischen Staatsgebiet internierten Deutschen in den großen Zentralarbeitslagern Potulice bei Bromberg, Gronowo bei Lissa und Sikawa bei Lodz zusammen, die erst in den Jahren 1949 und 1950 von der polnischen Regierung aufgelöst worden sind7).


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In diese Lager sind im Laufe der Zeit so gut wie alle Deutschen in Polen eingewiesen worden, relativ spät die deutschen Bewohner der größeren Städte, z. B. von Posen, Bromberg, Lodz, die aus ihren Wohnungen gewiesen vorher oft lange Zeit in Ruinen und Kellerlöchern gehaust hätten1). In den Zentrallagern wurden sie alle registriert und auch diejenigen als Lagerangehörige geführt, die seit ihrer Enteignung in landwirtschaftlichen Bertrieben und Wirtschaftsunternehmen arbeiteten. Kranke und Arbeitsunfähige wurden ständig in den Lagern gehalten, und dorthin mußten auch die Arbeitsfähigen zu ihrer weiteren Verwendung zurückkehren, sobald sie ihren bisherigen Arbeitseinsatz beendet hatten2). — Bei der Unterbringung in den „Stammlagern” und der Verschickung zum Arbeitseinsatz wurden Familienangehörige rücksichtslos auseinandergerissen3).

Von den Lagern aus gingen verschiedene Transporte mit internierten deutschen Zwangsarbeitern nach dem oberschlesischen Industriegebiet, andere nach Warschau zu Aufräumungsarbeiten4). Die Mehrzahl der Lagerinsassen wurde jedoch gruppenweise oder einzeln zur Landarbeit auf staatliche Güter oder private Höfe verteilt5). Um aus den Deutschen einen möglichst hohen Gewinn herauszuschlagen, ging man schon bald dazu über, von jedem, der deutsche Arbeitskräfte benutzte, einen Mietpreis zu fordern, wodurch die Sammellager zu einer Art von Sklavenmärkten wurden, auf denen man deutsche Arbeitskräfte anbot und verkaufte. Polnische Bauern und Unternehmer suchten sich die ihnen geeignet erscheinenden Männer und Frauen heraus, wobei der Mietpreis etwa ein Zehntel dessen betrug, was normalerweise der Lohn eines polnischen Arbeiters war6). Es war kein Wunder, daß der Wunsch, deutsche Arbeitskräfte zu bekommen, sehr groß war und daß die Deutschen mitunter zum Objekt von Schachergeschäften wurden, an denen sich vor allem mancher polnische Lagerleiter bereicherte7). Die billige Arbeitskraft der internierten Deutschen wurde schließlich der Grund, daß man die Ausweisung, die für alle Deutschen im Dekret vom 13. September 1946 beschlossen worden war, sehr ungern sah8) und sie zu verzögern trachtete.

Diese plötzliche Wertschätzung der Deutschen auf Grund ihrer Billigkeit und ihrer Arbeitskraft steigerte indessen nur die Erniedrigung, in die die deutsche Bevölkerung hinabgestoßen war, und trug kaum etwas bei, ihre Lage zu verbessern. Wehrlos mußten sie sich schwerste Arbeitsleistungen abzwingen lassen und lebten in dürftigen Unterkünften bei schlechter Verpflegung, ohne Löhnung und ärztliche Betreuung, oft auch von Ungeziefer und Krankheiten befallen oder Verhöhnungen und Schikanen ausgesetzt,


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ein Sklavendasein, das sie seelisch zermürbte und abstumpfte, die Gesundheit ruinierte und vielen das Leben kostete1).

Dennoch bewarb sich die internierte deutsche Bevölkerung um den Arbeitseinsatz, vor allem in der Landwirtschaft. Er gab immerhin die Chance, daß man es mit polnischen Arbeitgebern zu tun bekam, die sich von menschlicheren Empfindungen leiten ließen; er brachte die Möglichkeit, den Quälereien im Lager auszuweichen und sich zusätzliche Nahrungsmittel zu verschaffen2). Einzelnen Spezialarbeitern gelang es sogar, nach kurzer Zeit bereits wieder ein gewisses Maß an Freizügigkeit zurückzugewinnen3).

Demgegenüber erschien das Leben der Alten, Kranken und Kinder geradezu hoffnungslos, die — als Arbeitskräfte verschmäht — Jahr um Jahr in den Internierungslagern verbringen mußten. Ihr Leiden überschritt alles Maß. Sie konnten den quälenden Schikanen und der oft sadistischen Grausamkeit der Bewachungsmannschaften nicht entrinnen4). Sie mußten sich mit der unzureichenden Lagerverpflegung begnügen, die durch Unterschlagungen der Bewachungsmannschaften häufig noch verringert wurde. Durch totale Entkräftung hilflos geworden, ohne Medikamente, von Ungeziefer geplagt, ohne Möglichkeit, auch nur die primitivsten Bedürfnisse der Körperpflege zu befriedigen, siechten sie dahin5). Deutsches Pflegepersonal stand diesem Elend in Ermangelung jeglicher Hilfsmittel machtlos gegenüber. Typhusepidemien grassierten vor allem im Sommer und Herbst 1945 in vielen Lagern und rafften zahllose Insassen dahin6). Planmäßiges Erschießen von Alten und hilflosen Kranken, wie es beispielsweise im Lager Kaltwasser geschah7), Gewalttaten und Mißhandlungen der Wachmannschaften, oft geleitet von dem Bestreben, Behandlungsmethoden nationalsozialistischer Konzentrationslager zu imitieren, erhöhten die Zahl der Todesopfer. Allein im Altersheim des Lagers Potulice starb in den Jahren 1947 bis 1949 die Hälfte aller Eingelieferten8).

Wie hoch die Zahl derjenigen ist, die in der Zeit von 1945—1950 in den polnischen Internierungslagern gestorben sind, wird sich wohl nie mehr feststellen lassen. Die Zahl der Verstorbenen, wo sie überhaupt registriert wurde, ist von den Lagerleitungen möglichst geheim gehalten worden.


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Massengräber wurden zum Teil eingeebnet, bepflanzt und als Grabstätten unkenntlich gemacht. Niemand durfte Gräber mit namentlich gezeichneten Holzkreuzen versehen1).

Katastrophal wirkte sich die Internierung auf die deutschen Kinder aus, zumal als man im Sommer 1945 dazu überging, sie rigoros von ihren Müttern zu trennen2), um auch deren Arbeitskraft voll ausnutzen zu können. Fast alle Säuglinge starben3), größere Kinder lebten in Gemeinschaftsbaracken, getrennt von ihren Eltern und sich selbst überlassen. Ihre Ernährung besserte sich in späteren Jahren dank der Hilfsaktion des Internationalen Roten Kreuzes, obwohl ihre Verwahrlosung dadurch nicht aufgehalten werden konnte4).

Die polnische Regierung betrachtete die von ihren Eltern getrennten deutschen Kinder als Staatseigentum und war bestrebt, sie zu polonisieren. Sie veranlaßte ihren Transport in Kinderheime, wo viele infolge der zeitweiligen Überfüllung verhungerten, oder gab sie in polnische Familien. Jeglicher Briefwechsel mit den Eltern war untersagt, und nur illegal gelang es manchen der verzweifelten Mütter, mit ihren Kindern in Verbindung zu bleiben5). Einer größeren Anzahl von ihnen ist es gelungen, im Laufe der nächsten Jahre ihre entfremdeten, häufig nur noch polnisch sprechenden Kinder zurückzubekommen. Viele dagegen wurden schließlich ausgewiesen, ohne ihre Kinder je wieder zu Gesicht bekommen zu haben. Anderen wiederum verweigerten polnische Familien die Rückgabe der ihnen übergebenen Kinder. Es gab Fälle, wo eine Kostenvergütung zur Bedingung der Rückgabe gemacht wurde, die von den zwangsweise und unbezahlt arbeitenden Müttern nicht aufgebracht werden konnte. Auch diese mußten die Heimat ohne ihre Kinder verlassen, falls sich nicht mitempfindende Polen fanden, die ihnen das Geld gaben6). Noch heute, acht Jahre nach Kriegsende, bemüht sich der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes in Einzelverhandlungen, diese Kinder ihren Eltern wieder zuzuführen.

Am unerträglichsten waren die Lebensverhältnisse der Volksdeutschen in den Jahren 1945/46; erst in den folgenden Jahren besserten sie sich allmählich7). Zumindest in der breiten Masse des polnischen Volkes waren Haß- und Rachegefühl abgeklungen. Der Widerwille gegen das kommunistische Regime im eigenen Lande und die Abhängigkeit von der Sowjet-Union8) bestimmte jetzt die Empfindungen vieler Polen und nahm der Feindschaft gegenüber den Deutschen einiges an Schärfe.


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Aber das Leben der deutschen Bevölkerung war inzwischen hoffnungslos verelendet, das Dasein unter den drückenden Anforderungen der Zwangsarbeit und dem Mangel jeglicher Freizügigkeit in den Internierungslagern noch 1949 so quälend und entmutigend, daß sie nach dem totalen Verlust von Heimat und Besitz nur noch die Ausweisung als Erlösung aus furchtbarer menschlicher Not erhoffen konnte.


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