Die politische Struktur des ungarländischen Deutschtums.

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Das Deutschtum Rumpfungarns hat sich bis in die neueste Zeit hinein, d. h. bis in die Tage kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, niemals um eine Sonderstellung als Gruppe oder gar um volle Autonomie in irgendeiner Form bemüht. Es wurden wohl deutschstämmige Abgeordnete, unter ihnen hier und dort auch einmal ein schwäbischer Bauer in das ungarische Parlament gewählt, aber nicht als Vertreter des Deutschtums, sondern als Angehörige einer allgemeinen ungarischen Partei, meist der Regierungspartei. Es kam ebenso vor, daß einer dieser Abgeordneten oder ein Kommunalpolitiker deutscher Herkunft sich dafür verwandte, die in der Verfassung garantierte staatsbürgerliche Gleichberechtigung seiner deutschen Wähler zu sichern, aber darüber hinaus gingen die Bemühungen nicht — ein Ausdruck der Staatsloyalität des ungarländischen Deutschtums. Sicher spielte auch die Tatsache mit, daß diesem eine ausreichende Intelligenzschicht fehlte, trotz


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einiger Versuche, schon vor dem Ersten Weltkrieg eine solche zu schaffen1. Die Abtrennung der politisch und kulturell aktiveren deutschen Volksgruppen von Ungarn, wie sie durch die Grenzziehungen von 1919 vorgenommen wurde, hat diese Ansätze wieder unterbrochen.

So fand sich das Deutschtum in Trianon-Ungarn nach dem Ende des Ersten Weltkrieges im neuen madjarischen Nationalstaat ohne politische Tradition und Führerschicht und sah sich dem Druck des madjarischen Nationalismus ausgesetzt, der durch den für Ungarn unglücklichen Weltkriegsausgang und die großen Gebietsverluste sich gegenüber früher noch erhitzt hatte. Das vorhandene landsmannschaftliche oder stammhafte Gefühl, zum „Schwabentum” zu gehören, reichte nicht aus für ein eigenes politisches Programm, wie es schon die Siebenbürger Sachsen vorweisen konnten2. Jakob Bleyer, die zweifellos bedeutendste Persönlichkeit des ungarländischen Deutschtums seit dem Ersten Weltkrieg, erkannte am schärfsten diesen Mangel und suchte in den 20er Jahren das ungarländische Deutschtum durch bewußte Volkstums- und Kulturpflege geistig zu sammeln und seine im Vertrag von Trianon garantierten Minderheitsrechte vor allem im Schulwesen zu verteidigen. Der auf seine Initiative 1923 gegründete „Ungarländische Deutsche Volksbildungsverein” (UDV) setzte sich zum Ziel, durch Bildung von Ortsgruppen in deutschsprachigen Gemeinden, durch Errichtung von Bibliotheken, Veranstaltung von Volks- und Trachtenfesten, Musik- und anderen kulturellen Wettbewerben, Herausgabe von deutschem heimatgebundenen Schrifttum das kulturelle Zusammengehörigkeitsgefühl der ungarländischen Deutschen zu stärken. Der Wirkungsbereich des Volksbildungsvereins darf allerdings nicht überschätzt werden, so sehr er für die reine Volkstumspflege Gutes stiftete und von ihm auch mittelbar Anregungen ausgingen. Die passive Resistenz, vor allem der oft stark nationalistischen örtlichen Behörden, setzte seinem Bestreben, an die gesamte deutschsprachige Bevölkerung heranzukommen, Grenzen.

So blieb der Kreis der Anhänger und Mitglieder des „Ungarländischen Deutschen Volksbildungsvereins” Jakob Bleyers immer begrenzt; in der Zeit


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seiner größten Entfaltung zwischen 1938—40 wird seine Mitgliederzahl nicht über 15 000 hinausgegangen sein. Hier trat geradezu eine Tragik in den Bemühungen Bleyers zutage, denn seine deutsche Volkstumspolitik wollte gerade nicht an der Zugehörigkeit des ungarländischen Deutschtums zu Ungarn, ja zur ungarländischen Staatsnation rütteln: „Das Deutschtum in Ungarn”, schrieb er in einem über die Grenzen Ungarns hinaus bekanntgewordenen Aufsatz1, „ging von jeher gerne auf die historische und juristische Terminologie des Ungarntums ein und so bekannte es sich in der Vergangenheit und bekennt sich auch in der Gegenwart ohne Umstände zur einheitlichen, politischen, ungarischen Nation. Hier schwingen gerade bei dem Deutschtum hohe Gefühle und inhaltsschwere Erlebnisse mit: Die Erinnerung an eine vielhundertjährige, gemeinsame Vergangenheit, die Liebe zur schweißgedüngten Heimat, die Treue zum gemeinsamen blutgetränkten Vaterland, die innige Verwachsenheit nicht nur mit der deutschen Volkskultur, sondern auch mit der so vielfach deutsch beeinflußten ungarischen Staatskultur, wie diese sich im politischen, staatsbürgerlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben seit ungezählten Generationen herausgebildet hat. All dies läßt den Deutschen aus Ungarn überall in der Welt sich Ungar oder doch Deutsch-Ungar nennen. Jedenfalls war es unter den Deutschen Ungarns nie Brauch, sich zur „deutschen Nation” zu bekennen und täten sie es, so kämen sie nicht nur mit dem Wortlaut der ungarischen Gesetze in Widerspruch, sondern würden auch bei dem Ungarntum durch Verneinung seiner eingewurzeltesten Ideen Mißtrauen, ja offenes Ärgernis hervorrufen... Bei aller Zugehörigkeit zur „ungarischen Nation” sind wir natürlich — dieses „natürlich” im ursprünglichsten Sinne verstanden — gleichgeartete und gleichwertige Mitglieder des „deutschen Volkes”. Es wäre niedrige Heuchelei und käme der Selbstverachtung gleich, wenn wir uns zu dieser unabänderlichen und unbestreitbaren Tatsache nicht frank und frei bekennen würden.” Bleyer, der die deutsche „Nationalität” innerhalb der ungarischen Nation zusammenführen wollte, glaubte, damit ebenso der Erfüllung des ungarischen Staatsgedankens wie der Pflicht gegenüber dem gottgewollten Volkstum dienen zu können. Mit Nachdruck trat er für einen Volksgedanken ein, der sich an objektiven Merkmalen, vor allem an der Muttersprache orientierte. Im Bereiche des Volkstums nahm er Gegebenheiten an, „die durch kein Bekenntnis und durch keine Absage verschwinden gemacht werden können”. Mit diesem Programm, das sich vor leeren Verallgemeinerungen hüten und die besonderen geschichtlichen Verhältnisse Ungarns zum Richtmaß nehmen wollte, ist Bleyer im wesentlichen gescheitert. Gescheitert einmal an den Schwierigkeiten, für seine Volkstumsidee in ihrem Verhältnis zu Staat und ungarischer Nation die Bereitschaft unter seinen Landsleuten zu wecken, gescheitert aber mehr noch an den Gegenkräften des madjarischen Nationalismus, der selbst die Minderheits-Nationalität im Sinne Bleyers ablehnte. So hatte Jakob Bleyer selbst gegen Ende seines Lebens, noch vor dem nationalsozialistischen Umbruch in Deutschland, das Vertrauen an die Möglichkeit aufgegeben, „daß Ungarn von sich heraus die deutsche Frage lösen soll und lösen wird. Ich baute zu sehr auf das Recht und die Gerechtigkeit, auf die Einsicht und auf die nüchterne Erfassung


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der eigenen Interessen. In diesem Sinne und diesem Glauben habe ich viele Jahre lang gekämpft und gearbeitet. Diesen Glauben habe ich vollständig verloren. Ungarn wird nie die deutsche Frage lösen, nämlich nicht aus sich selbst heraus. Die Madjarisierung war nie so rücksichtslos, so zielbewußt und so durchgreifend wie heute. Das ist eine Tatsache, über die gar nicht diskutiert werden kann1.”

Bleyers Tod im Dezember 1933, der in eine für das gesamte Deutschtum überaus kritische Zeit fiel, machte das ungarländische Deutschtum praktisch führerlos. Unter den Erben und Schülern Bleyers brach ein „Richtungsstreit aus, der sich an der zuletzt auch bei Bleyer selbst aufgebrachten Frage, ob eine Fortsetzung der vom Volksbildungsverein bisher betriebenen Volkstumspolitik möglich sei, entzündete. Schon begannen sich aber jetzt die Auswirkungen des nationalsozialistischen Umbruchs in Deutschland bemerkbar zu machen, wenn es auch anfangs noch recht unsicher war, wieweit die nationalsozialistische Reichspolitik ihre Beziehungen zu den madjarischen Nationalisten durch Rücksichten auf die deutsche Volksgruppe zu gefährden bereit war. Bald nach Bleyers Tod sammelte sich aus den Kreisen seiner Mitarbeiter, die in Opposition zu dem liberalen Kurs des von Gustav Gratz geführten UDV traten, um Dr. Franz Basch die „Volksdeutsche Kameradschaft”, auch eine der Gruppen des ostmitteleuropäischen Deutschtums, von denen man gesagt hat, daß sie von dem nach 1933 erstarkten Deutschland „wie mit einem elektrischen Strom” erfüllt worden sind2 und die bald unter den Einfluß des Nationalsozialismus gerieten. Aus ihr ist der im November 1938 begründete „Volksbund der Deutschen in Ungarn” (VDU) hervorgegangen. In der Gründungsversammlung umriß Basch ein politisches Programm, das sich weit von dem des Volksbildungsvereins unterschied und zweifelsohne die Erreichung der kulturellen Autonomie anstrebte, nämlich Anerkennung der Volksgemeinschaft und der Rechtspersönlichkeit der Volksgruppe, Lösung der Schulfrage, Gründung von Tages- und Wochenzeitungen und schließlich einer eigenen Partei3. Sein politisches Schwergewicht als Kopforganisation der deutschen Volksgruppe in Ungarn erhielt der Volksbund durch das Wiener Abkommen vom 30. August 1940, das als Ergebnis der neuen ungarischen Außenpolitik und ihrer engen Anlehnung an das nationalsozialistische Deutschland den Volksdeutschen in Ungarn eine Sonderstellung garantierte. Der Volksbildungsverein löste sich nach Verkündung des Abkommens auf Veranlassung der ungarischen Regierung auf.

Eine so auffällige Korrektur der ungarisch-deutschen Beziehungen hatte natürlich ihre Gründe. Seit dem Zusammenbruch Ungarns am Ende des Ersten Weltkrieges hatte sich als Hauptziel der ungarischen Politik eine Revision des Vertrages von Trianon und darüber hinaus die Wiedererrichtung


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des ungarischen Großreiches der Stephanskrone1 herausgebildet. Ende der 30er Jahre schien sich dann im Zusammengehen mit dem nationalsozialistischen Deutschland ein gangbarer und erfolgversprechender Weg zur Verwirklichung dieser Pläne zu bieten. Nach einer vorübergehenden Trübung des Verhältnisses zum Deutschen Reich in den Jahren 1936—1938 (Regierung Darányi) leitete der neue Regierungschef Béla Imrédy mit dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich zu einer um so engeren Anlehnung an das Dritte Reich über, die bald ihre Früchte trug. Im Anschluß an das Münchner Abkommen über das Sudetenland wies der erste Wiener Schiedsspruch 1938 den südlichen Teil der Slowakei Ungarn zu, das, damit noch nicht befriedigt, nach der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren auch noch die Karpato-Ukraine besetzte. Im zweiten Wiener Schiedsspruch 1940 erhielt es Nordsiebenbürgen von Rumänien, und im April 1941 marschierten ungarische Truppen zur gleichen Zeit wie die deutschen in Jugoslawien ein und nahmen das Baranyadreieck und die restliche Batschka in Verwaltung. Die diesen Ereignissen parallellaufende Angleichung an die Politik des Dritten Reiches ergab außenpolitisch den Austritt Ungarns aus dem Völkerbund, seinen Beitritt zum Dreimächtepakt (November 1940) und zum Antikominternpakt (25. November 1941) und den Eintritt in den Krieg gegen Jugoslawien (April 1941), gegen die Sowjetunion (Juni 1941), endlich den Kriegszustand mit England und USA (Dezember 1941). Innenpolitisch entsprach ihr eine dem deutschen Vorbild nachgeahmte scharfe Judengesetzgebung und schließlich die Zulassung einer eigenständigen deutschen Volksgruppe mit starker Bindung an den Nationalsozialismus.

Als Ergebnis dieser Umorientierung der ungarischen Politik wurde am Tage des zweiten Wiener Schiedsspruches zwischen den Außenministern des Deutschen Reiches und Ungarns, v. Ribbentrop und Graf Csáky, ein Abkommen2 geschlossen, in dem der „Deutschen Volksgruppe” — ein in der Geschichte des ungarländischen Deutschtums neuer Begriff3 — neben dem schon im ungarischen Nationalitätengesetz von 1868 festgelegten Minderheitenschutz noch folgendes zuerkannt wurde:

Es darf den Angehörigen der Volksgruppe auf Grund ihrer Zugehörigkeit und ihres Bekenntnisses zur nationalsozialistischen Weltanschauung kein Nachteil erwachsen;

die Volksgruppe soll entsprechend ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung bei der Besetzung der ungarischen Behörden und Selbstverwaltungskörper berücksichtigt werden;

die Angehörigen der Volksgruppe haben das Recht, ihren früher geführten Familiennamen wieder aufzunehmen;


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die Angehörigen der Volksgruppe haben auf kulturellem Gebiet das Recht zum freien Verkehr mit dem großdeutschen Mutterland.

Von besonderer Bedeutung war es, daß das Abkommen der Führung des Volksbundes das Recht gab, darüber zu entscheiden, wer Volksdeutscher war und damit der Volksgruppe zugehörte. Dies bedeutete, daß die Zugehörigkeit zur deutschen Minderheit nicht nur von dem subjektiven Bekenntnis des Einzelnen, sondern auch von der Anerkennung durch eine politische Institution abhängig gemacht wurde1.


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Das Wiener Abkommen als ein Ausdruck der außenpolitischen Neuausrichtung Ungarns schuf für das ungarländische Deutschtum eine neue Situation, Ungarn gab sein deutsches Volkstum der nationalsozialistischen Infiltration preis. Es konzessionierte den Volksbund in seinen engen Beziehungen zum Deutschen Reich1 und ließ die Volksgruppenführung als Institution ohne Einspruch zu. Da aber trotzdem nach wie vor die Tendenz bestehen blieb, die deutsche Minderheit zu madjarisieren, sah sich der Volksdeutsche jetzt zwei einander entgegenarbeitenden Kräften ausgesetzt, dem vertraglich festgelegten Einfluß des deutschen Nationalsozialismus und den nicht weniger intensiven Forderungen des madjarischen Nationalismus. Dieser Antagonismus, zwischen dem die natürlichen eigenen Interessen des ungarländischen Deutschtums zerrieben wurden, bestimmte dessen weiteres Schicksal, ohne daß es sich aus eigenen Kräften behaupten konnte.

Die unmittelbaren Einwirkungen des reichsdeutschen Nationalsozialismus auf die Volksbund- und Volksgruppenpolitik lassen sich heute im einzelnen noch nicht überblicken. Wenn anfänglich daraus Schwierigkeiten erwuchsen, daß die Verbindungen von Berlin nach Budapest gerade zu denjenigen madjarischen nationalistischen Kreisen liefen, die innenpolitisch am radikalsten den Kampf gegen die Minderheit führten, so bestand dies Hindernis offensichtlich seit 1940 nicht mehr. In dieser Zeit hatte die madjarische Regierung unter dem Druck der Verhältnisse in der Frage der deutschen Minderheit eingelenkt, wenn sich auch die minderheitenfeindliche Verwaltungspraxis im einzelnen nicht änderte. Jetzt bediente sich die nationalsozalistische Politik für die Durchsetzung ihres Einflusses auf das ungarländische Deutschtum der bereits bestehenden Organisation des Volksbundes: Volksbund und Volks-


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gruppe wurden ineinander verschmolzen1, ohne daß die „Volksgruppe” etwa jemals den Status einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft nach dem ungarischen Staatsrecht erhalten hat. Die unklare Abgrenzung zwischen beiden Organisationen wurde für die Folgezeit besonders verhängnisvoll.

Mehr und mehr wurden Volksbund und Volksgruppe in ihrem Aufbau an die Organisationsformen des NS-Regimes angeglichen. Ebenso waren die Benennungen ihrer einzelnen Gliederungen dem Sprachschatz des nationalsozialistischen Staates entnommen oder ihm stark angeglichen. Der Volksbund als Spitzenorganisation war in mehrere Gebiete aufgeteilt, sein Amtswalterstab wurde in Schulungskursen zusammengefaßt und einheitlich ausgerichtet. Unter den ihm angeschlossenen oder nebengeordneten Verbänden tauchen Namen auf wie „Frauenschaft”, „Deutsche Volkshilfe”, „Landesbauernamt”, „Fachschaft deutscher Ärzte” oder „Amt für Rassen- und Bevölkerungspolitik im Hauptamt für Volksgesundheit”2. Als besondere Kerntruppe wurde die „Deutsche Mannschaft” aufgestellt3. Ähnlich wie es durch die NSDAP in Deutschland geschah, schuf man Parallelorganisationen zu den jeweiligen ungarischen amtlichen Institutionen, die den staatlichen Wirkungsbereich mehr und mehr einschränkten. Besonders energisch wurde der Kampf um die Jugend geführt. Auf dem ersten Landesjugendtag im Juni 1941 wurde die „Deutsche Jugend” (DJ) als Organisation der Volksgruppe ins Leben gerufen, und ganz nach dem Vorbild der reichsdeutschen HJ aufgezogen.

Zu Auseinandersetzungen und Polemiken zwischen volksdeutschen und ungarischen Stellen kam es nun nicht etwa auf Grund der Neuschaffung solcher und ähnlicher Organisationen — in dieser Hinsicht konnte sich die Volksgruppe immer auf das Wiener Abkommen berufen — sondern der Kampf ging um die Zuständigkeit und den Wirkungsbereich dieser Organisationen. Da die DJ der „Levente”, einer Art ungarischer Staatsjugendorganisation, deren Hauptaufgabe die vormilitärische Ausbildung der 12- bis 21 jährigen war, die gesamte volksdeutsche Jugend zu entziehen drohte, beschränkte das Innenministerium bei der Genehmigung der Organisation den Beitritt ausschließlich auf Angehörige von Volksbundmitgliedern. Damit war der DJ die Möglichkeit genommen, sich zu einer Massenzwangsorganisation ähnlich der Deutschen Staatsjugend zu entwickeln.

Ebenso ging der Schulkampf — nach wie vor von beiden Seiten als eine der vordringlichsten Fragen angesehen — nicht so sehr um die Neuerrichtung von Lehranstalten mit deutscher Unterrichtssprache, als um das Aufsichts- und Verfügungsrecht über diese Schulen. Die letzte Schulverordnung von


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1941 hatte die Elternbefragung bei der Bestimmung der Unterrichtssprache als einen wichtigen Punkt beibehalten1. Aus den schon oben ausgeführten Erwägungen stimmte aber auch noch zu dieser Zeit ein großer Teil der Eltern für das Madjarische, so daß die Masse der Minderheitenschulen gemischtsprachig blieb. Die Volksgruppenführung erstrebte jedoch als Mindestforderung die reindeutsche Schule mit volksdeutschen Lehrern. Ziel ihrer Schulpolitik war die völkische Lehranstalt als Instrument der nationalsozialistischen Durchdringung2. Eine Erreichung dieses Zustandes wäre nur möglich gewesen, wenn sämtliche Schulen mit deutschen Kindern der Kontrolle der Volksgruppe unterstellt worden wären. Dazu fand sich aber der ungarische Staat niemals bereit, und es blieb der Volksgruppe nur der Weg, eigene Bildungsanstalten ins Leben zu rufen. Im Jahre 1944 verfügte sie über 2 Lehrerbildungsanstalten, 6 Gymnasien, l Handelsmittelschule, 9 Bürgerschulen, 2 landwirtschaftliche Schulen, einzelne Kurse und 22 Volksschulen3. Außerdem unterhielt der Volksbund acht NS-Erziehungsheime4. Eine größere Ausweitung des eigenen Schulsystems ließ sich bei dem Mangel an geeigneten Lehrkräften nur schwer durchführen.


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Man wird aber keineswegs dem Charakter von Volksgruppe und Volksbund gerecht, wollte man sie ausschließlich als vom nationalsozialistischen Deutschland geprägt beurteilen. Der Linie der deutschen Reichspolitik, die das äußere Bild bestimmte und die sich in der gesamten Organisation, der Presse, den Kundgebungen und Programmen niederschlug, stand bis hinauf in die Volksgruppenführung eine nach Lage der Dinge latente Opposition gegenüber, die mehr eine die Autonomie der Ungarndeutschen betonende selbständige Politik machen, d. h. sie möglichst von reichsdeutschen Einflüssen freihalten wollte. Diese Bewegung hatte verschiedene Wurzeln. Zunächst muß berücksichtigt werden, daß Volksbund und Volksgruppenführung ihre politische und kulturpolitische Aktivität weitgehend der volksdeutschen Führungsschicht aus den im Laufe des Krieges an Ungarn gefallenen Gebieten verdankten. Vor allem die Batschka- und Siebenbürgendeutschen, von denen besonders die letzteren auf eine reiche Tradition zurückblicken konnten, brachten eine völkisch-deutsche Konzeption mit, die das Gesicht der Deutschen Volksgruppe in Ungarn bestimmend umformte. Außerdem gab es ja schon aus der Bleyerschen Zeit her eine volkstumspolitische, wenn auch keineswegs nationalistische oder gar nationalsozialistische Bewegung innerhalb des Deutschtums in Rumpfungarn, die naturgemäß durch die jetzt sehr starken Beziehungen zum Deutschen Reich noch erheblich intensiviert wurde. Mit der von der ungarischen Regierung gewünschten Selbstauflösung des Volksbildungsvereins war ihr aber jede Möglichkeit genommen, sich außerhalb des Volksbundes zu konstituieren, der damit auch einen großen Teil der gemäßigten Richtung auffing. „Volksbündler” dieser Art fanden sich unter den Anhängern und Förderern, unter den ordentlichen Mitgliedern ebenso wie in den höheren Amtsstäben, da es sonst für sie keine Möglichkeit zur politischen Betätigung oder auch lediglich zur einfachen Volkstumsarbeit gab.

Trotz der so divergierenden Richtungen machte der Volksbund mit dem ganzen Apparat seiner z. T. übereifrigen Mitarbeiter — sie wurden von der anderen Seite allgemein als „Berufsdeutsche” bezeichnet — nach außen hin den Eindruck einer geschlossenen, einheitlich ausgerichteten Formation. Sicher erfüllte er etwa durch Einrichtung deutschsprachiger Schulen und anderer kultureller Institutionen durchaus berechtigte und bisher unberücksichtigte Ansprüche. Aber dies war, wie sich immer mehr herausstellte, nur möglich um den Preis einer einseitigen politischen Festlegung, zu der sich nur die Minderzahl der ungarländischen Deutschen bereitfand. Im wesentlichen rekrutierten sich die überzeugten Anhänger des Volksbundes aus folgenden Gruppen:

aus den ärmeren Schichten — den Kleinbauern, nichtorganisierten Arbeitern — die sich eine soziale Besserstellung versprachen;

aus einem Teil der Jugend, der an der Organisation als solcher und dem halbmilitärischen Charakter der aufgezogenen Jugendverbände Gefallen fand;

aus einem nicht geringen Prozentsatz des deutschbewußten Teiles des Ungarndeutschtums, der im Volksbund Rückhalt erwartete und die Volkstumsarbeit im Bleyerschen Sinn, jetzt aber unter günstigeren


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Voraussetzungen fortzusetzen versuchte. Seine Tragik bestand darin, daß er der Hitlerschen Politik, die die Volksgruppen nur als machtpolitische Stützpunkte mißbrauchte, damit ohne es zu wollen Vorschub leistete.

Die Mitgliederzahl des Volksbundes läßt sich heute nicht mehr genau feststellen, da die Unterlagen entweder vernichtet wurden oder, wie in Budapest, dem späteren Regime in die Hände gefallen sind. Zusammenfassende Schätzungen ergeben einen ungefähren Bestand von 50 000 bis 60 000 eingeschriebenen Mitgliedern1. Die Zahl der „Volksbundanhänger” war allerdings weit größer.

Dem Block des Volksbundes standen diejenigen Volksdeutschen gegenüber, die eine nationalistische deutsche Politik aus verschiedenen Gründen ablehnten2. Schon das betonte Herausstellen des Deutschseins3 schreckte viele ab. Die Politisierung der Organisation, die Besetzung der Funktionärsposten mit jungen, unbekannten oder unbedeutenden und damit nicht vertrauenswürdigen Personen verstärkte die Abneigung. Besonders das alteingesessene, wirtschaftlich fundierte Bauerntum, das ein übermäßiges Politisieren als störend empfand, wünschte keine Korrektur der Verhältnisse zum ungarischen Staat. Abgesondert hielt sich auch die sozialdemokratisch organisierte deutsche Arbeiterschaft Budapests und der Industriebezirke, die sich mit ihren madjarischen Genossen solidarisch fühlte in der Bekämpfung des als faschistisch bezeichneten Volksbundes4.

Mitbeeinflußt wurden die Haltung und das spätere Schicksal der Volksdeutschen auch von der Konfessionszugehörigkeit5. Besonders die katholischen Jugendverbände hielten sich in den nationalen Auseinandersetzungen naturgemäß zurück und gerieten in einen betonten Gegensatz zum Volksbund6. Die nach der Volkszählung von 1930 auf ungefähr 10000 Personen anzusetzende Gruppe deutschsprechender Juden stand selbstverständlich der Volksbundpolitik schon aus Gründen der Selbsterhaltung ablehnend


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gegenüber, zumal sie durch die im Frühjahr 1939 erfolgte ungarische Judengesetzgebung1 politisch entmündigt worden war.

Ein schwieriger und nicht ungefährlicher Gegner aber entstand dem Volksbund in der dem ungarischen Deutschtum eigentümlichen assimilationsbereiten Zwischenschicht. Die ihr Zugehörigen wurden als „Auchdeutsche”2, während des Krieges auch als „Engländer”3 oder ganz allgemein als „Madjaronen” bezeichnet. Der Sammelbegriff „Madjarone” wurde mit der sich immer stärker auswirkenden Spaltung allmählich auf alle Nichtvolksbündler schlechthin ausgeweitet. Die Front wurde so scharf gezogen, daß neben den deutsch-katholischen Jugendverbänden sogar der Volksbildungsverein schon 1940 zu einer „auchdeutschen” und damit verräterischen Organisation erklärt wurde4.

Die so entstehende Gegensätzlichkeit machte sich dann eine von madjarischer Seite gesteuerte Bewegung zunutze, die sogenannte Treuebewegung5, die ihre Ursprünge auf die Zeit der Abstimmungskämpfe im Ödenburger Gebiet nach dem Ersten Weltkrieg zurückführte, eine durchorganisierte Form aber erst als Gegenbewegung zum Volksbund fand. In ihr sollten sich alle diejenigen Volksdeutschen sammeln, die ihre absolute Treue zum ungarischen Staat bewußt betonen wollten. Der Wirkungsbereich des Treuebundes blieb im großen gesehen auf die Baranya beschränkt und trat in den Orten besonders stark hervor, wo der Volksbund seinerseits mit seiner Umschulungsarbeit begonnen hatte. Das Auftreten dieser Bewegung ist insofern wichtig, als in den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch die ehemalige Zugehörigkeit zum Treuebund6 für die Volksdeutschen als Voraussetzung für die Rehabilitierung galt.

Im ganzen gesehen ergab sich für das ungarländische Deutschtum folgende Situation: Das Verhältnis zur ungarischen Regierung schien äußerlich befriedet und ohne Konfliktstoff zu sein. In Wirklichkeit aber schwelten die


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Spannungen unter der Decke fort, da der madjarische Nationalstolz durch die Eingriffe der nationalsozialistischen Politik sich unheilbar verletzt fühlte, was nur durch die jeden Widerstand ausschaltende Macht des nationalsozialistischen Deutschland überdeckt wurde. Mit der Begründung des Volksbundes und der Politisierung des ungarländischen Deutschtums waren indessen nicht nur die Spannungselemente zwischen deutscher Volksgruppe und ungarischer Regierung verstärkt, sondern auch das deutsche Volkstum selbst wurde in zwei feindliche Lager gespalten1, die sich später in der Zeit des Zusammenbruches in glühendem Haß gegenüberstehen sollten.

Aus diesen Voraussetzungen muß die Atmosphäre der Kriegsjahre im Ungarndeutschtum mit ihren Intrigen, Polemiken, Bespitzelungen und Verdächtigungen verstanden werden. Gleichgültig für welche Seite man sich entschied, für die andere wurde man automatisch zum Abtrünnigen und Verräter. Der Dorfnachbar war nicht mehr der Landsmann, sondern Gesinnungsgenosse oder Feind, „Berufsdeutscher” und „Volksbündler” oder „Madjarone”2. Solange hinter dem Volksbund und der Volksgruppenführung noch die militärische und ideologische Macht des Deutschen Reiches stand und sie außerdem als von der ungarischen Regierung sanktionierte Institutionen in ihrer Rechtsgültigkeit unangreifbar schienen, konnte sich dieser Zustand halten. Nur wuchs bei dem einzelnen Volksdeutschen immer mehr die Unsicherheit, ob er auf die richtige Partei gesetzt hatte. Mit dem Zurückgehen der deutschen Truppen an allen Fronten, also etwa seit dem Fall von Stalingrad3, verstärkten sich die Bedenken gegen die Volksbundpolitik. Die starke wirtschaftliche Ausnutzung, die dauernden Appelle an die Opferbereitschaft der Volksdeutschen und die Zwangsrekrutierungen zur Waffen-SS verstärkten den inneren Zwiespalt im Ungarndeutschtum. Warum sollte man das Letzte für eine Sache opfern, die doch nicht das allgemeine Vertrauen genoß und zu deren Verteidigung man nur notgedrungen bereit war?

Es ist daher gar nicht so verwunderlich, wenn das deutsch-madjarische Verhältnis in der persönlichen Sphäre — also das Verhältnis des einzelnen deutschen Bauern zu seinem madjarischen Nachbarn — in dieser Zeit und besonders auch während der folgenden Ereignisse einen allgemein freundschaftlich-versöhnlichen Charakter behielt4, von gelegentlichen Reibereien, Feindschaften und Denunziationen abgesehen. Gewiß haben es einzelne nationalmadjarische Chauvinisten nicht an Beleidigungen und Kränkungen


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fehlen lassen, aber es kam nirgends zu den systematischen Erniedrigungen und Mißhandlungen oder gar zu Vernichtungsorgien wie in Polen, Jugoslawien oder der Tschechoslowakei. Im Gegenteil, vorherrschend war die Eintracht und selbstverständliche Hilfsbereitschaft, mit der der Madjare den Volksdeutschen vor den SS-Rekrutierungskommissionen versteckte, ihn vor der Verschleppung schützte, ihm bei der Flucht Nahrung reichte, für eine Nacht auf dem Heuboden unterbrachte1 oder für ihn bei der Ausweisung die Möbel bis zur erhofften baldigen Rückkehr in Verwahrung nahm. Dieses betonte Gemeinschaftsgefühl, das in Jahrhunderten gemeinsamen Schicksals gewachsen war, nahm den Ereignissen viel von ihrer Schärfe und Erbarmungslosigkeit; es stellte das Bleibende dar, das die Zeit des übersteigerten deutschen wie die Zeit des vernichtenden madjarischen Nationalismus überdauerte.


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