4. Politische Struktur des Deutschtums und sein Verhältnis zum Staat bis zur Zerschlagung Jugoslawiens.

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Mit Ausnahme der slowenischen Gebiete und der vom gemeinsamen österreichisch-ungarischen Finanzministerium verwalteten Provinzen Bosnien und Herzegowina gehörten die deutschen Siedlungsgebiete, die in den neuen südslawischen Staat eingegliedert wurden, der ungarischen Reichshälfte an. Ihre Bewohner, die ihrer Herkunft nach nicht einheitlich waren, wurden unter dem Namen der Donauschwaben zusammengefaßt 1 . Ohne ein politisch bewußtes nationales Zusammengehörigkeitsgefühl betrachteten sie sich als loyale Staatsbürger dem ungarischen Staat verbunden und traten zunächst entschieden der Zerstückelung der Monarchie entgegen 2 . Dem Beispiel der anderen Nationalitäten folgend, bildeten sie nach der Proklamation der ungarischen Republik einen "Schwäbischen Nationalrat" unter Dr. 0. Roth, der in einem Manifest vom 8. 12. 1918 in Temeschburg die Forderung des Serbischen Nationalrats in Neusatz und des rumänischen in Karlsburg 3 , das Banat von Ungarn abzutrennen, ablehnte. Diese Haltung bewahrten die Donauschwaben auch in den folgenden Jahren bis zur endgültigen Grenzregelung; sie trat nur zeitweilig zugunsten der Forderung nach einer Autonomie der südungarischen Gebiete zurück. Da für diese Deutschen, im Gegensatz zu den umwohnenden Rumänen und Slawen, nicht die Möglichkeit gegeben war, staatlichen Anschluß an ihr Muttervolk zu finden, stand ihnen allein die unsichere Aussicht vor Augen, den Staat, der ihnen zum Vaterland geworden war, gegen einen anderen, fremden vertauschen zu


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müssen. Seinen drei Staatsvölkern die Superiorität zuzuerkennen, mußte ihrem Selbstbewußtsein schwerfallen.

Anderseits lag es für eine Minderheit, die sich ihres deutschen Volkstums bewußt war, nahe, die Separationsbestrebungen der Rumänen und Serben zu unterstützen; denn nur eine Loslösung vom ungarischen Staat konnte die Masse des Deutschtums dem madjarischen kulturellen Einfluß entziehen. So wurden unter der Parole "Los von Ungarn" in den Städten und Dörfern .,Deutsch-schwäbische Klubs" gegründet, in denen ein kulturelles Deutschbewußtsein geweckt werden sollte; manche Kreise des Deutschtums zeigten sich dem Werben von rumänischer und serbischer Seite zugänglich, die beide Anspruch auf das Banat erhoben. Die Mehrheit der donauschwäbischen Bevölkerung blieb jedoch ungarnfreundlich und lehnte dieses Vorgehen ab. Überbrückt wurde der Gegensatz erst durch den Protest, den die deutsche Bevölkerung der Woiwodina gegen die auf der Pariser Friedenskonferenz beschlossene Teilung des Banats erhob 4 . Diese Grenzziehung zerstückelte das Banat zwischen Jugoslawien, Rumänien und Ungarn, sie schlug außerdem die Batschka und das Baranjadreieck zu Jugoslawien, das damit einen großen Teil der donauschwäbischen Siedlungsgebiete erwarb. Die Deutschen in diesem Gebiet wurden, in ihrer überwiegenden Zahl widerstrebend, aus alten politischen Bindungen gerissen und in völlig veränderte Verhältnisse gestellt. Von ihren Landsleuten in der nächsten Nachbarschaft wurden sie getrennt; mit anderen deutschen Gruppen zusammen, mit denen sie kein Zusammengehörigkeitsgefühl verband, sahen sie sich als nationale Minderheit in einen neuen Staat versetzt, der selbst mit einer Fülle außen- und innenpolitischer Probleme belastet war und bis zu seinem Ende im Jahre 1941 sich niemals ganz konsolidieren konnte.

Das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen faßte die drei ethnisch nahe verwandten südslawischen Völker zu einem Staat zusammen, ohne aber in den beiden folgenden Jahrzehnten die Verschiedenheiten und Gegensätze überwinden zu können, die sich aus der bisher unterschiedlichen historischen Entwicklung dieser Völker und ihrer Siedlungsgebiete ergaben. Der Führungsanspruch der Serben, die für einen zentralistischen Aufbau des States eintraten, ihn an die mittelalterliche Tradition des serbischen Zarenreiches binden und diese auch den neuen Gebieten zu vermitteln suchten, stieß auf den entschiedenen Widerstand der Kroaten und auf deren Forderungen nach einem föderativen Staatsaufbau. Während sich außenpolitisch die Stellung Jugoslawiens durch die vertragliche Sicherung


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der neuen Grenzen und den Abschluß eines Bündnissystems festigte 5 , blieben die von dem serbisch-kroatischen Gegensatz überschatteten innenpolitischen Probleme größtenteils ungelöst. Die jeweilige außen- und innenpolitische Konstellation wirkte sich auch auf das Verhältnis der drei Staatsvölker zu den in ihren Siedlungsgebieten lebenden Minderheiten und auf deren Behandlung durch die lokalen und zentralen Behörden aus.

Die deutsche Bevölkerung, die in geschlossenen oder verstreuten Siedlungsgebieten in Jugoslawien lebte und sich, soweit sie der Doppelmonarchie angehörte, bis zu deren Zerfall als Glied des Staates gefühlt hatte, wurde nun zu einer über die neue staatliche Ordnung enttäuschten Minderheit, die ein Gruppenbewußtsein erst mühsam gewinnen mußte. Die gegen sie gerichteten Maßnahmen zunächst in den slowenischen, dann auch in den ehemals südungarischen Gebieten, erschwerten ihre Hinwendung zum SHS-Staat, dem sie sich gleichwohl loyal unterstellten. Gerade die gegen das Deutschtum gerichteten Maßnahmen haben die Entstehung eines Gemeinschaftsbewußtseins der über das ganze Land verstreuten deutschen Bevölkerungsgruppen gefördert 6 . Von seinen bisherigen kulturellen' und wirtschaftlichen Verbindungen durch die neuen Grenzen abgeschnitten oder wie in Slowenien durch politische Maßnahmen seiner organisatorischen und kulturellen Institutionen beraubt, richtete das Streudeutschtum seinen Blick auf das zusammenhängende deutsche Siedlungsgebiet der Woiwodina mit dem Zentrum in Neusatz. Dieses wurde der Ausgangspunkt der Bestrebungen, die deutsche Bevölkerung organisatorisch zu erfassen, sie kulturell und wirtschaftlich zu stützen und in ihr ein Bewußtsein volklicher Eigenart zu wecken. Dieser Prozeß vollzog sich allerdings nur allmählich und war noch nicht abgeschlossen, als der deutsche Angriff im Frühjahr 1941 die Zerschlagung Jugoslawiens einleitete.

Die Entfaltung einer solchen Initiative unter den Deutschen der Woiwodina war deshalb möglich, weil hier die jugoslawischen Behörden die deutsche Bevölkerung für den neuen jugoslawischen Staat zu gewinnen und dem madjarischen Einfluß zu entziehen trachteten 7 . So gewährte sowohl die


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in Neusatz errichtete Provisorische Provinzialregierung wie auch die Zentralregierung in Belgrad den Deutschen in der Woiwodina wesentliche Zugeständhisse auf kulturpolitischem Gebiet, vor allem im Schulwesen. In den von deutschen Kindern besuchten madjarischen Schulen wurde die deutsche Unterrichtssprache eingeführt, neue Volks- und Bürgerschulen wurden errichtet, deutsche Zeitungen gegründet, die für die Erhaltung des Volkstums eintraten. Gerade im Zeitungswesen ist dem Deutschtum auch fortan ein Bereich relativ unbehelligten Wirkens erhalten geblieben 8 .

Der Anstoß für die volkspolitische Arbeit ging von einer kleinen Gruppe deutscher Akademiker aus, die meist der jüngeren Generation angehörten. In Verhandlungen mit den regionalen und zentralen jugoslawischen Behörden suchten sie die bisherigen kulturpolitischen Erfolge zu sichern und gründeten am 20. 6. 1920 den "Schwäbisch-Deutschen Kulturbund" mit dem Sitz in Neusatz. Ziel des Kulturbundes war laut seinen Satzungen die Pflege der Volkstumsüberlieferung, die Verbreitung von Büchern, Kunstwerken, Musikalien und Filmen, die Einrichtung und Förderung von Bibliotheken und anderen, der Volksbildung dienenden Institutionen, die Veranstaltung von Vorträgen und künstlerischen Darbietungen, die Ausbildung deutscher Lehrer und Geistlicher und die Förderung der sozialen Fürsorge und von wirtschaftlichen Einrichtungen 9 . In den Jahren bis 1924 gelang es, während der ersten Aufbauphase in der Woiwodina und in Syrmien 128 Ortsgruppen mit insgesamt 55 000 Mitgliedern zu errichten 10 . Wegen der Schwierigkeiten, die dem Kulturbund sowohl aus den Behinderungen durch die lokalen Behörden wie aus der nationalen Indifferenz der deutschen Bevölkerung bei seiner Arbeit erwuchsen, breitete er sich zuerst nur über die Woiwodina und einzelne deutsche Siedlungen Syrmiens aus, ohne daß er zugleich in Slawonien, Kroatien und in Slowenien Fuß fassen konnte 11 .


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In dem Maße, wie sich die außenpolitische Position des jugoslawischen Staates gegenüber Ungarn festigle, empfanden Regierungskreise die Herausbildung einer geschlossenen deutschen Gruppe in der Woiwodina als störend und suchten ihre Aktivität vor allem im Bereich der Kulturpolitik zu unterbinden. So wurde das aufblühende deutsche Schulwesen durch die Verstaatlichung sämtlicher Schulen im Jahre 1922 zerstört, die Einschreibungen in die deutschen Schulabteilungen wurden durch die Namensanalyse behindert, schließlich der Kulturbund aufgelöst und sein gesamtes Vermögen im Frühjahr 1924 beschlagnahmt 12 . Auch nach der Aufhebung des Verbots im Oktober des gleichen Jahres blieb das Vermögen des Kulturbundes konfisziert und seine Tätigkeit durch die Behörden unterbunden, bis er 1927 erneut zugelassen wurde und seine Organisation in einer zweiten Phase ausgebaut werden konnte.

Unbeeinträchtigt in seinem Wirkungskreis blieb das deutsche Genossenschaftswesen. Die "Agraria" wurde der Ausgangspunkt für den Ausbau eines umfangreichen Systems von Wirtschafts- und Kreditgenossenschaften, das der bäuerlichen deutschen Bevölkerung einen starken wirtschaftlichen Rückhalt gab, als sie sich nach den schweren Einbußen des Deutschtums durch die Agrarreform umorientieren mußte 13 . Außerdem wurde durch das Genossenschaftswesen unter den donauschwäbischen Bauern, die in starkem Maße einem wirtschaftlich-materiellen Denken zugewandt waren, auch das Interesse für Volkstumsfragen geweckt. In der wechselvollen innenpolitischen Entwicklung, die zeitweilig zum Verbot sämtlicher deutschen kulturellen und politischen Institutionen führte, blieb das deutsche Genossen-


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Schaftswesen oft die einzige organisatorische Zusammenfassung des Deutschtums überhaupt. Anderseits krankte es an den Mängeln, die die Arbeit in den deutschen Siedlungsgruppen überhaupt erschwerten. Die der bäuerlichen Mentalität angepaßte Form der Volkstumsarbeit brachte es mit sich, daß ein beträchtlicher Teil der nichtbäuerlichen deutschen Bevölkerung, vor allem die Industriearbeiter, oft nicht auf seine Rechnung kam. Das galt in gewissem Grade auch für Arbeit der Genossenschaften. Einzelne Jugoslawiendeutsche versuchten zwar, durch sogenannte Wohlfahrtsgenossenschaften, d. h. Sparvereine, Krankenkassen usw. auch die sozial schwächeren deutschen Bevölkerungsschichten in die Volkstumsarbeit einzubeziehen und durch eine Verklammerung mit ähnlichen Genossenschaften der Staatsvölker eine wirtschaftliche, politische und soziale Isolierung des Deutschtums zu unterbinden. Sie fanden aber bei den maßgebenden Männern der deutschen Minderheit nicht viel Verständnis, noch weniger die notwendige Unterstützung 14 .

Das anfänglich entgegenkommende Verhalten der jugoslawischen Behörden im Schulwesen gegenüber den Deutschen der Woiwodina förderte die Erwartung der deutschen Führungsschicht, daß der deutschen Minderheit auch die vollen politisch-staatsbürgerlichen Rechte gewährt werden würden, um sie am Aufbau des neuen Staates nicht nur in der Selbstverwaltung, sondern auch in den staatlichen Gremien zu beteiligen. Bald trat jedoch die Tendenz zutage, die Minderheiten von jeder Mitwirkung am politischen Leben, ja auch aus der kommunalen Selbstverwaltung fernzuhalten. Die führenden Persönlichkeiten der Minderheit mußten daraus die Folgerung ziehen, daß sie ohne eine politische Vertretung im Belgrader Parlament, der Skupschtina, ihre Ziele nicht durchsetzen könnten 15 . An die Tradition der seit 1905 bestehenden "Ungarländischen Deutschen Volkspartei" 16 anknüpfend, gründeten die führenden Männer der deutschen Minderheit die "Partei der Deutschen im Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen" 17 , die bei der ersten Parlamentswahl 1923 insgesamt


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acht Mandate erringen konnte und sich dem Regierungsblock anschloß 18 . Bis zur Auflösung der "Deutschen Partei" durch das königliche Diktatorialregime im Januar 1929 konnte sie bei den beiden Wahlen von 1925 und 1927 mit 45172, bzw. 48032 Stimmen zuerst fünf, dann sechs Mandate behalten. Trotz dieser Vertretung im Parlament blieb die kulturelle und politische Situation der deutschen Minderheit weiterhin angespannt. In serbischen und auch slowenischen politischen Kreisen war die Herausbildung einer politisch aktiven deutschen Minderheit im Grunde nicht erwünscht, wie die Wahlpropaganda gegen die "Partei der Deutschen" im Jahre 1925


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und die von den regionalen und lokalen Behörden behinderte politische und kulturelle Betätigung der deutschen Minderheit zeigte 19 .

Besonders ungünstig war die Lage in der Woiwodina während der 20er Jahre. Hier wurden auf dem durch die Bodenreform enteigneten Land meist madjarischer und deutscher Großgrundbesitzer vor allem Dobrowolzen angesiedelt, während die deutsche landlose Bevölkerung unberücksichtigt blieb. Dazu kam die Einsetzung meist ortsfremder serbischer Beamter. Erst nach oft wiederholten Interventionen der deutschen Abgeordneten wurden 1927 in der Woiwodina, in der die Gemeindeverwaltung bis dahin in den Händen von ernannten Beamten gelegen hatte, die ersten Kommunalwahlen abgehalten; dadurch erhielt die deutsche Bevölkerung einen stärkeren Anteil an der Selbstverwaltung 20 .

In den hauptsächlich von Kroaten besiedelten Gebieten wurde jede von deutscher Seite unternommene kulturelle oder parteipolitische Betätigung von den Behörden mit doppeltem Mißtrauen beobachtet, da die dort lebenden Deutschen meist die in scharfer Opposition zur Regierungspolitik stehende ,-Kroatische Bauernpartei" wählten und einzelne Deutsche sogar für diese Partei kandidierten 21 . Auf kroatischer Seite blieb hingegen der Verdacht bestehen, daß die die serbische Regierungspartei unterstützende "Partei der Deutschen" im großserbischen Fahrwasser segle.

Der seit der Gründung des Staates schwelende Antagonismus zwischen Serben und Kroaten, der, mit dem Attentat auf den kroatischen Parteiführer Radić in der Skupschtina (20. 6. 1928) seinen Höhepunkt fand, drohte zum Zerfall des Staates zu führen. Daher hob König Alexander durch den Staatsstreich vom 6. 1. 1929 die Verfassung auf und setzte ein Militärkabinett unter General Živković ein 22 . Die Königsdiktatur brachte ein Verbot aller Parteien mit sich, die ausschließlich auf der Grundlage einer Nationalität aufgebaut waren. Das richtete sich zwar vornehmlich gegen die kroatischen Autonomiebestrebungen und schuf unter den Kroaten nachhaltige Erbitterung. Ebenso aber bedeutete dieses Verbot das Ende der "Partei der Deutschen", die nicht wieder zugelassen wurde. Auch der Kulturbund, der im Jahre 1927 wenigstens in der Woiwodina seine Tätigkeit wieder hatte aufnehmen können, mußte unter diesem Gesichtspunkt seine Satzungen überarbeiten und erneut zur Genehmigung einreichen, die end-


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lieh 1931 erteilt wurde 23 . Trotz dieser Verschlechterung der Gesamtlage für die Minderheitenpolitik gelang es den Führern des Deutschtums in Jugoslawien, vor allem dank der Initiative von Dr. Kraft, unter dem königlichen Diktaturregime wesentliche Zugeständnisse für die deutschen Schulen, ja sogar die Gründung einer Schulstiftung in zähen Verhandlungen zu erwirken, obwohl auch in der oktroyierten Verfassung von 1931 die Rechte der nationalen und religiösen Minderheiten nicht gewährleistet waren 24 .

Die jahrelange Verletzung der Minderheitenrechte und die Aussichtslosigkeit, diese Rechte auf innerstaatlichem Wege durchzusetzen 25 , bewog schließlich die Wortführer des Deutschtums in Slowenien, das sich dem stärksten Druck ausgesetzt fühlte, wegen der Beschlagnahme des "Deutschen Hauses" in Cilli Klage beim Völkerbund zu erheben. Dadurch sollte die Weltöffentlichkeit auf die Minderheitenproblematik in Jugoslawien aufmerksam gemacht werden 26 . Eine Erörterung dieser Frage, die zwangsläufig auch die mit einem demokratischen System unvereinbare innenpolitische Praxis des südslawischen Staates aufgerollt hätte, kam den verantwortlichen Politikern äußerst ungelegen, und sie versuchten, die Petenten zur Rücknahme ihrer Beschwerde zu bewegen. Zu diesem Schritt fanden sich diese auch bereit, nachdem sich die Regierung zur Zahlung einer Entschädigung und zu Zugeständnissen auf kulturpolitischem Gebiet bereitgefunden halle 27 .


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Nach der neuen Verfassung und dem Vereinsgesetz vom 19. 9. 1931 blieben Parteien, die die Interessen einer einzelnen nationalen Gruppe vertraten, weiterhin verboten und damit auch die "Partei der Deutschen". Um jedoch die Interessen der deutschen Minderheit auf parlamentarisch-politischem Wege vertreten zu können, schlössen sich die Deutschen der Regierungspartei an, die in weiteren Wahlen einem deutschen Kandidaten einen Wahlkreis überließ. Der endgültige Anschluß an die neugegründete Regierungspartei, die "Radikale Gemeinschaft" des Ministerpräsidenten Stojadinović, wurde Anfang 1936 vollzogen. Auf der in Neusatz tagenden konstituierenden Versammlung des Banschaftsrates der "Gemeinschaft" wurde daraufhin Dr. Kraft als Repräsentant der deutschen Minderheit in die oberste Parteileitung gewählt 28 . Bis zum Jahre 1938 war es auch jeweils Dr. Kraft, der als Abgeordneter der Regierungspartei die Deutschen vertrat, von 1938 bis 1941 waren es Franz Hamm und Dr. Trischler, während G. Grassl und später Bischof Popp dem Senat angehörten. Es darf jedoch nicht übersehen werden, daß nur ein Teil des Deutschtums vorwiegend in der Woiwodina die Regierungspartei wählte und wählen konnte. Schwieriger war die Lage schon in Kroatien-Slawonien. Hier hatte die deutsche Bevölkerung wie das Gros der Kroaten bis 1931 fast ausschließlich die ,:Kroatische Bauernpartei" und in Slowenien (Gottschee) die katholische "Slowenische Volkspartei" unterstützt. Abgesehen davon, daß hier die "Partei der Deutschen'' in der Zeit ihres Bestehens kaum Anhänger hatte, wäre die Wahl eigener deutscher Kandidaten nicht möglich gewesen, da in den einzelnen Wahlkreisen die slawische Bevölkerung in der Mehrheit war. In der Gottschee besaßen die Deutschen wenigstens die Möglichkeit, demjenigen der beiden Kandidaten die Stimme zu geben, von dem sie am ehesten eine Vertretung ihrer kulturpolitischen und wirtschaftlichen Interessen erhoffen konnten 29 .

Die Königsdiktatur und das spätere, nur bedingt demokratische Regierungssystem konnten zwar die innenpolitischen Schwierigkeiten nicht an der Wurzel beseitigen, zumal zu diesen noch die schweren Folgen der Weltwirtschaftskrise hinzukamen; jedoch ist es ihr zweifellos gelungen, stabilere Verhältnisse innerhalb des jugoslawischen Staates zu schaffen. Nach dem Abflauen der Weltwirtschaftskrise erholte sich auch die jugoslawische Volkswirtschaft und erhielt durch die in den 30er Jahren intensivierten Handels-


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beziehungen zum Deutschen Reich einen starken Auftrieb, der fraglos auch der deutschen Bevölkerung unerwartete Vorteile brachte 30 . Das galt auch insofern, als der wachsende politische und wirtschaftliche Einfluß des nationalsozialistischen Reiches die jugoslawischen Regierungsstellen aus wirtschafts- und außenpolitischen Gründen veranlaßte, auf Beschwerden der deutschen Minderheit einzugehen und ihre Ursachen abzustellen, obwohl es auch weiterhin an Behinderungen durch die subalternen Behörden nicht fehlte 31 . Waren bis jetzt die Zustände im Schulwesen am häufigsten Anlaß zu Beschwerden gewesen, so traten nun, vor allem wieder im slowenischen Gebiet, die Behinderungen der Deutschen beim Bodenerwerb durch die sogenannten Liegenschaftsverordnungen in den Vordergrund. Ursprünglich vor allem dazu bestimmt, den Bodenerwerb von Personen nichtjugoslawischer Nationalität in den Grenzgebieten zu verhindern, wurden diese in den 30er Jahren zu einer Handhabe entwickelt, die wirtschaftliche Basis der deutschen Minderheit einzuengen, deren Siedlungsgebiet fast ausschließlich im Grenzgebiet lag 32 . Erst nach Jahren gelang es, dank wiederholter Bemühungen der deutschen Abgeordneten, die Aufhebung dieser das Deutschtum diskriminierenden Verordnungen zu erreichen.

Verglichen mit der Situation des Deutschtums in den anderen ost- und südosteuropäischen Staaten, vor allem im benachbarten Ungarn, war jedoch die Lage des Jugoslawiendeutschtums in der zweiten Hälfte der 30er Jahre erträglich, sein Verhältnis zum Staat normalisiert und sein innerer Zu-


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sammenhalt gefestigt. Diese günstige Entwicklung wurde auf das stärkste gefährdet, als mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus im Reich nationalsozialistische Ideen auch in die Reihen der Volksdeutschen eindrangen und eine innere Krise in der Volksgruppe auslösten, die alles bisher Erreichte in Frage stellte und die deutsche Bevölkerung in zwei sich aufs heftigste bekämpfende Lager spaltete. Diese inneren Auseinandersetzungen können indessen nicht ausschließlich unter ideologischen Gesichtspunkten beurteilt werden, sondern mit ihnen bahnte sich zugleich eine Krise der bisherigen, vorwiegend bäuerlich bestimmten Volkstums- und Genossenschaftspolitik überhaupt an. Außerdem handelte es sich um eine Auseinandersetzung zwischen einer jüngeren Generation, die die Hinwendung zum deutschen Volkstum und zum Reich forderte, und der älteren, die noch in der Doppelmonarchie aufgewachsen und in ihren Traditionen verwurzelt war. So verquickten sich ideologische Probleme mit Fragen des sozialen Einflusses und der Ablösung der Generationen zu einer großen Auseinandersetzung über die doppelte Loyalität: gegenüber Staat und Volkstum.

Bis zum I. Weltkrieg hatten die Deutschen in den Gebieten, die ehemals zur ungarischen Reichshälfte gehörten, allenfalls ein Gemeinschaftsbewußtsein entwickelt, das sich auf die Dorfgemeihschaft oder auf verwandtschaftliche und freundschaftliche Beziehungen zu den unmittelbaren Nachbargemeinden bezog. In kleinerem Maße hatte sich ein Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der einzelnen Siedlungsgebiete ausgebildet. Das Erscheinen deutscher Truppen auf dem Balkan nach 1916, die Loslösuhg aus dem bisherigen Staatsverband und die Eingliederung in den neuen Staat, mit dem man kaum etwas gemeinsam hatte, der zudem die deutsche Bevölkerung reserviert oder gar mit Mißtrauen als Parteigänger der verhaßten Madjaren betrachtete, hatte dann eine stärkere Hinwendung zum Deutschtum zur Folge gehabt. Die Beziehungen zum Reich wurden enger, als dieses in seiner Volkstumspolitik auch die deutschen Organisationen in den Siedlungsgebieten Südosteuropas zu fördern begann. Der stärkere Kontakt, den vor allem die an österreichischen und reichsdeutschen Hochschulen studierende Volksdeutsche Jugend mit der gesamtdeutschen Entwicklung fand, brachte sie auch mit der nationalsozialistischen Bewegung in Berührung, deren Schlagworte ihre Wirkung nicht verfehlten 33 . Es war zunächst nur eine kleine Gruppe jüngerer Akademiker, durch die diese Ideen im Deutschtum Jugoslawiens Eingang fanden. Sie propagierte eine "Erneuerung" des deutschen Volkstums, die sie über die Volkstumsorganisationen des Kulturbundes zu verwirklichen suchte, wogegen die bisherigen Bemühungen der Repräsentanten der deutschen Minderheit radikal verurteilt wurden. Die Bestrebungen dieser Gruppe, im Kulturbund Einfluß zu gewinnen, stießen indes auf den heftigen Widerstand der Verbandsführung und auf die Opposition des größten Teils der deutschbewußten Bevölkerung, die mit Recht eine Beeinträchtigung des mühsam geschaffenen Vertrauensverhältnisses zwischen der Minderheit und der durch die "Gemeinschaft" des Ministerpräsidenten Stojadinović vertretenen Regierungspolitik befürchtete.


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In ihrem Organ, der "Pantschowaer Post" (später "Volksruf"), setzten die "Erneuerer" unter ihrem Wortführer, dem Arzt Dr. Jakob Awender, ihre Kampagne gegen die Volkstumsorganisationen und die bisherige Volkstumsarbeit fort und gewannen unter dem Eindruck der politischen und wirtschaftlichen Erfolge des nationalsozialistischen Deutschlands vor allem in der jüngeren Generation zahlreiche Anhänger 34 . Ihr Ziel war es, eine Volksgruppe zu schaffen, die sich als Vorposten des Reiches fühlen sollte 35 und der auch die im fremden Volkstum aufgegangenen Deutschen zurückgewonnen werden müßten. Obwohl die Politik der Erneuerer auf großen Widerstand stieß und in manchen Fällen von ihnen unterwanderte Ortsgruppen aus dem Kulturbund ausgeschlossen wurden, verfolgten sie ihre volkstumspolitischen Ziele weiter und bemühten sich in erster Linie um die bisher weniger betreuten deutschen Bevölkerungsschichten und Siedlnngsgruppen, vor allem um das Kroatien- und Slawoniendeutschtum.

In dem vom Kulturbund organisatorisch nicht erfaßten slawonischen und kroatischen Gebiet gründete ein Anhänger der Erneuerungsgruppe, Branimir Altgayer, die "Kultur- und Wohlfahrtsvereinigung der Deutschen in Slawonien", die hier zahlreiche Ortsgruppen ins Leben rief. Sie versuchte vor allem, unter dem in großem Maße kroatisierten Streudeutschtum ein deutschvölkisches Bewußtsein zu erwecken, womit sie vielfach auch Erfolg hatte 36 .

Die Initiative der Erneuerungsbewegung und ihre heftige Propaganda gegen die bisherige Volkstumsführung, namentlich gegen Dr. Kraft, bewog den Kulturbund, trotz der ermüdenden und aufreibenden Auseinandersetzungen mit den lokalen und regionalen Behörden seiner Tätigkeit Nachdruck zu verleihen und sie mehr als bisher über das Banat und die Batsch'ka hinaus auszudehnen. Dabei wurde das Ziel nicht aufgegeben, das inzwischen geschaffene Vertrauensverhältnis zwischen den Volksgruppenpolitikern der älteren Generation und den verantwortlichen Regierungskreisen um Stojadinović zu erhalten. Auch im Hinblick darauf sahen sich die Verbands-


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Politiker des Kulturbundes veranlaßt, die radikalen Ideen der Erneuerer zu bekämpfen, erst recht, als diese in eine engere Gemeinschaft mit der in Opposition zu der Regierung stehenden faschistischen "Zbor"-Bewegung Ljotićs traten 37 .

Seit der Spaltung des Deutschtums in zwei Lager war eine geschlossene Politik der Volksgruppe nicht mehr möglich, so daß es Dr. Neuner im "Deutschen Volksblatt" beklagen konnte, wie sehr die Volksgruppe durch die "innervölkischen Auseinandersetzungen" im Hinblick auf ihr politisches Gewicht "für jede andere Gruppe an Wert" verliere 38 . Wenn sich die reichsdeutschen Stellen in dieser Auseinandersetzung zwischen den bisherigen Führern der jugoslawiendeutschen Volksgruppe und den "Erneuerern" zurückhielten, so wird dies auf Rücksichten gegenüber der Politik der Regierung Stojadinović beruht haben. Diese nahm in wirtschaftlichen und politischen Fragen eine von der bisherigen jugoslawischen Außenpolitik abweichende Haltung ein und begann, sich aus dem unter französischem Einfluß stehenden Mächteblock zu lösen und Deutschland zu nähern, ein Versuch, der ihr zahlreiche innenpolitische Gegner schuf. Um nicht durch eine offizielle Förderung der offensichtlich zum Nationalsozialismus neigenden Erneuerungsbewegung die Stellung Stojadinovićs noch stärker zu belasten, wurden von Berlin vorerst noch die von Jugoslawien anerkannten deutschen Volkstumsorganisationen unterstützt. Ihre Führer standen aber, je mehr die nationalsozialistische Ideologie sich im Auslandsdeutschtum ausbreitete, auf verlorenem Posten 39 .

Da der fortdauernde Konflikt die ohnehin schwierige Position der Minderheit zusätzlich schwächen mußte, während andererseits unter den Auswirkungen der Entwicklung im Reich die Erneuererbewegung an Boden gewann, bahnte sich seit Beginn des Jahres 1938 ein Ausgleich zwischen den beiden Gruppen an, der 1939 zustande kam. Ein aus Vertretern der deutschen Volksgruppen in Estland, Lettland, Rumänien und der Tschechoslowakei bestehendes Schiedsgericht entschied, daß die "Erneuerer" ihre vo- allem gegen Dr. Kraft erhobenen Beschuldigungen zurücknehmen sollten, wogegen Dr. Kraft der Rücktritt von seinen Ämtern dringend nahegelegt wurde. Dabei gelang es den radikalen Exponenten der Erneuerungsbewegung aber nicht, sich in den Vordergrund zu spielen. Vielmehr wurde mit Dr. Josef Janko nach monatelangen Verhandlungen ein relativ gemäßigter Vertreter der Erneuerungsbewegung Vorsitzender des Kulturbundes; mit ihm zog eine Reihe gleichgesinnter jüngerer Männer in die leitenden Stellungen der kulturellen und wirtschaftlichen Volkstums-


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Organisationen ein 40 . Damit war jedoch die in den langen internen Auseinandersetzungen aufgerissene Kluft nicht überbrückt; es rief neue Erbitterung hervor, daß mit dem Vordringen der Erneuerer die ältere Generation aus der Volkstums- und Genossenschaftsarbeit zurückgedrängt wurde. Das Eindringen nationalsozialistischer Gedanken in den Kulturbund, die Übernahme der Formen reichsdeutscher Organisationen - vor allem in der Jugenderziehung - und die Propagierung einer Volksdeutschen Einheitstracht erregten den Widerstand der älteren Generation und nicht zuletzt auch der Kirchen 41 . Die von der Erneuerungsbewegung in die Volksgruppe hineingetragene Spaltung wirkte so auch nach der Beilegung des Konflikts nach, obwohl sich die in leitende Stellen gelangten, immer noch vergleichsweise gemäßigten Vertreter dieser Richtung um die Interessen des gesamten Deutschtums bemühten. Gleichwohl blieb das Mißtrauen weiter Kreise der deutschen Bevölkerung lebendig, weil die radikalen Vertreter der Erneuerungsbewegung den ihnen vorenthaltenen Einfluß in den Volksgruppenorganisationen mit anderen Mitteln zu gewinnen suchten und dabei offenbar von einzelnen Institutionen im Reich unterstützt wurden 42 .

Diese inneren Vorgänge sind auf dem Hintergrund der sich zuspitzenden außenpolitischen Lage Jugoslawiens zu sehen. Der jugoslawische Staat war seit dem Anschluß Österreichs unmittelbarer Nachbar des nationalsozialistischen Reiches geworden, dessen Anziehungskraft auf die Volksdeutschen Avuchs; so kam es im März 1939 zu Anschlußkundgebungen unter den slowenischen Volksdeutschen, vor allem im Abstallerfeld 43 . Durch den Ausbruch des Krieges wurde Jugoslawien schließlich immer mehr in den Kon-


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flikt der kriegführenden Machtblöcke hineingezogen, aus dem es die jugoslawischen Politiker unter Führung des Nachfolgers von Stojadinović, Dragisa Cvetković, zunächst herauszuhalten sich bemühten. Sie versuchten auch, die innenpolitischen Spannungen auszugleichen. Cvetković unternahm mit dem Ausgleichsversuch des sogenannten "Sporazums" vom 26. 8. 1939 einen letzten Anlauf, den unerträglich gewordenen serbisch-kroatischen Gegensatz zu mildern, indem er der Banschaft Kroatien weitgehende Selbstverwaltung gewährte (Punkt 2) und gegen den großserbischen Nationalismus die Gleichberechtigung der Kroaten hervorhob 44 .

Die militärischen Erfolge des Dritten Reiches und sein zunehmender Druck auf Jugoslawien brachten die verantwortlichen jugoslawischen Politiker in eine immer schwierigere Situation. Sie mußten versuchen, einerseits auf die im Lande, vor allem unter den Serben, Slowenen und in der Armee vorherrschende proalliierte Stimmung Rücksicht zu nehmen, anderseits außenpolitisch so zu taktieren, daß sie die benachbarten Achsenmächte nicht mißtrauisch machten oder in ihren Sog gerieten 45 . Das Bestreben Hitlers, von den Balkanstaaten wegen ihrer Bedeutung für die deutsche Kriegewirtschaft jeden militärischen Konflikt fernzuhalten und den italienischen Ambitionen entgegenzuwirken, begünstigte zunächst die Anstrengungen dieser jugoslawischen Politiker., Als Hitler aber den Entschluß faßte, den italienisch-griechischen Konflikt noch vor dem geplanten Rußlandfeldzug militärisch durch deutsche Hilfe zu entscheiden, konnte Jugoslawien die Taktik des Lavierens,nicht mehr fortsetzen. Jetzt entschloß sich Cvetković, dem Dreimächtepakt beizutreten, ein Entschluß, der die achsenfeindliche Opposition unter General Simović sofort zur Gegenaktion bewog. Cvetković und sein Außenminister Cincar-Marković wurden am Tag ihrer Rückkehr von der Vertragsunterzeichnung verhaftet (27. März 1941). Die Regierungs-


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gewalt übernahm General Simović, der sich erfolgreich (4. April) darum bemühte, ,auch die "Kroatische Bauernpartei" unter Maček in sein Kabinett zu ziehen. Könjg Peter wurde für großjährig erklärt und bestieg als Peter II. den Thron. Die Freudenkundgebungen der Bevölkerung Belgrads nach dem Staatsstreich ließen offenbar werden, wie unpopulär die Anlehnung an die Achsenmächte gewesen war.

Die deutsche Minderheit hatte nach dem Kompromiß zwischen den beiden Richtungen eine kurze Atempause relativer Ruhe und des Auf- und Ausbaus ihrer Institutionen erlebt. Dabei war ihr ebenso das von außenpolitischen Rücksichten bestimmte Entgegenkommen der Regierung wie der wirtschaftliche Aufschwung des Landes zugute gekommen. Von dem gesteigerten Export nach Deutschland profitierte auch die leistungsfähige jugoslawiendeutsche Landwirtschaft, deren Einkaufs- und Verkaufsgenossenschaften sich weiter entwickelten. In dieser Lage bemühten sich die neuen Funktionäre, durch eine freiwillige Steuer aller Angehörigen der Volksgruppe die notwendige finanzielle Basis für die Unterhaltung ihrer Organisationen zu schaffen, und sie hatten damit einigen Erfolg. Mit dieser Selbsthilfeaktion machte sich die Volksgruppe nicht nur im Lande unabhängiger, sie versuchte damit auch eine selbständigere Position gegenüber den nationalsozialistischen Reichsstellen zu gewinnen 46 . Dies gelang indessen nur bedingt. Die offiziell mit der Betreuung der deutschen Volksgruppen beauftragten reichsdeutschen Institutionen, wie z. B. das Deutsche Auslands-Institut in Stuttgart, enthielten sich zwar gemäß den offiziellen außenpolitischen Richtlinien einer allzu starken Beeinflussung des Jugoslawiendeutschtums, wogegen jedoch andere, mit diesen konkurrierende Stellen, vornehmlich der SS, ohne Rücksicht auf die möglichen Folgen für die jugoslawiendeutsche Bevölkerung ihre ideologischen und machtpolitischen Ziele durchzusetzen versuchten. Unter den durch die Kompromißlösung von 1939 nicht zum Zuge gekommenen radikalen Vertretern der Erneuerungsbewegung fanden sich einige, die sich für diese Aktionen zur Verfügung stellten und durch ihre Tätigkeit das in den vergangenen Jahren geschaffene gute Verhältnis zwischen Staat und deutscher Minderheit in akute Gefahr brachten 47 . In Slowenien war außerdem seit 1939 durch Anschlußkundgebungen des Deutschtums, das sich jahrelang besonders unterdrückt gefühlt hatte, eine besonders heikle Situation heraufbeschworen worden 48 . Vergebens versuchten hier die Volksgruppenführung wie auch die deutschen diplomatischen Vertreter, mäßigend zu wirken.

Nach dem Militärputsch vom März 1941 entstand eine neue Lage. Die durch den Staatsstreich ausgelösten nationalen Ressentiments wirkten sich schon hier und da gegen die Deutschen aus. Bereits während der Kund-


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gebungen am 27. März 1941 war es in Belgrad zu Zwischenfällen gekommen, von denen Deutsche und reichsdeutsche Institutionen, z. B. das deutsche Reisebüro, betroffen wurden. In den folgenden Tagen ereigneten sich vereinzelt ähnliche Aktionen in den deutschen Siedlungsgebieten, indessen kann man nicht von einem systematischen Vorgehen gegen die deutsche Volksgruppe sprechen. Auch die neue Regierung Simović bemühte sich darum, vor einer Festigung des Regimes weitere Reibungen zu vermeiden und dem Reich zu einem gewaltsamen Vorgehen gegen Jugoslawien keinen Anlaß zu geben 49 . Um die deutsche Minderheit in diesem Konflikt nicht noch mehr zu exponieren, schränkte die Volksgruppenführung die volkspolitische Tätigkeit ein, damit sie in dem von nationalen Leidenschaften aufgewühlten Land von sich aus keine Handhabe zum Vorgehen gegen die deutsche Bevölkerung bot 50 . Die seit den letzten Märztagen schwelende Unruhe konnte sie indessen nicht mehr eindämmen.


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